Triëdere #15 (2/2016)
Punctum — Annäherungen ans Faszinosum


Mit dem Begriff des punctums hat Roland Barthes in seiner späten Fotografietheorie Die helle Kammer einen Terminus geprägt, der nach wie vor so suggestiv wie seduktiv wirkt, der ebenso oft zitiert wie kritisch hinterfragt wurde. Nach einer gut 35 Jahre währenden Wirkungsgeschichte ist es keine Übertreibung zu behaupten, dass dem französischen Theoretiker mit dem punctum selbst ein kleines Kunststück gelungen ist — indem er einen Ausdruck schuf, der etwas eigentlich Unbenennbares zu bezeichnen verspricht: nämlich dasjenige, was beim Betrachten eines Fotos besticht, die Betrachter_ innen in seinen Bann zieht, bestrickt, beschä,ftigt und nicht mehr loslässt — und sich doch nicht gänzlich einholen lässt. Kurz gesagt: das punctum scheint einen gedanklichen Weg zu all dem zu weisen, was uns an einem Bild (auch ganz gegen unseren Willen) fasziniert. Diese Grundkonstellation wollten wir für die 15. Ausgabe von Triëdere zum Ausgangspunkt nehmen, um nach möglichen reflexiven Zugängen zu all dem zu fragen, was uns an Kunst (im weitesten Sinne) gefangen nehmen kann und nimmt: Wie lässt sich das Faszinosum, sei es als Antrieb der eigenen Arbeit, sei es als Ziel des kreativen und intellektuellen Tuns, aber auch als Erfahrung und Glück der Rezeption, adressieren?
Doch obwohl das punctum genau diese Möglichkeit verspricht, also das eigene Hingezogensein und Betroffenwerden in die intelligible Sphäre der Benennbarkeit zu retten, sieht man sich von Anfang an dem immergleichen Dilemma ausgesetzt: auch das punctum kann nur vorgeben, seine Bedeutung im Widerspiel mit der kühlen Analyse, der gelehrten Interpretation und der kategorisierenden Benennung, also dem studium zu gewinnen. Sobald man dieser Bedeutung dann aber auf die Schliche zu kommen versucht, bewegt man sich stets und unweigerlich wieder im Feld der Definitionen und Kategorisierungen. Aus diesem Grund bleibt das punctum ein "Ding, das es nicht gibt" (Bernd Stiegler) — über das sich aber umso besser räsonieren und diskutieren lässt. Und genau dies tun die Beiträge des vorliegenden Heftes, indem sie versuchen, sich an das Faszinosum und an seinen begrifflichen Stellvertreter auf Erden anzunähern, um nach den Kapazitäten, Potenzialen und Grenzen dieser Auseinandersetzung mit dem immer wieder aufblitzenden Rande des Sagbaren, dem Rande des Denkbaren, zu fragen. Dabei werden nicht nur verschiedene Aspekte des Barthes'schen punctums, sondern gleich auch verschiedene puncta (Wolfgang Muüller-Funk) in den Fokus genommen; ins Blickfeld ruücken bestechende Momente und artistische Introspektionen, sei es als Versuch, das "präsemiotische Reale" (Stiegler) zu erfassen, sei es, um dem punctum literarischer Texte nachzugehen oder gar der zweifelhaften Anziehungskraft eines Begriffs wie dem der Heimat zu begegnen. Das punctum erweist sich dabei stets als ein Werkzeug, dessen Unschärfe und Ambivalenz, dessen theoretisches 'Scheitern' es gerade so fruchtbar macht — und das weit uüber foto- oder bildtheoretische Zugänge hinaus.
 



Inhalt
Bernd Stiegler: Ein Ding, das es nicht gibt. Anmerkungen zum punctum
 
Franziska Füchsl: buchstapfen. stabpupillen
 
Peter Clar: Vom punctum des punctums
 
Wolfgang Müller-Funk: Decem Puncta
 
Thomas Ballhausen: fünf
 
Jan Svenungsson: "Das Bild kontrollieren"
 
Rita Sobral Campos: Full Stop's Rebellion
 
Lena Mareen Bruns: Lyrik
 
Daniela Ingruber: punct(um). die pause im denken
 
Simone Scharbert: Fokus, out of
 
Tanja Veverka: Immer wird hier die ZEIT zermalmt. Die Zeit(lichkeit) als Wunde
 
Michael Hillen: Gedichte
 
Mathias Müller: Manchmal bricht es mit mir durch
 
Andreas Dorschel: Wunderbar gewaltig.
Verschweigende und benennende Heimatpoesie

 
   


Triëdere #15 (2/2016) ist im Dezember 2016 im Sonderzahl Verlag erschienen.
Ausgewählte Texte sind online zugänglich.

Umfang: 92 Seiten.
ISBN: 978 3 85449 458 4




 
 
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