Triëdere #19 (2/2018)
(Gedichte) gestalten


Hg. v. Thomas Ballhausen und Matthias Schmidt


Auf die Übersetzung (von Gedichten und seinen prosapoemischen Verwandten) folgt die (also: deren) Gestaltung, eine andere, weitere Form der Übertragung und Verwirklichung. Literatur kommt zum Vorschein: Bei kurzen Texten, egal ob es sich um Gedichte, Aphorismen, Splitter oder Essays handelt, stellt sich die Frage der Gestaltung anders als bei langen Texten. Während sich extensive Texte oft wie von selbst in gut eingewöhnte Formen, etablierte Schreib- und Leseusancen einpassen, treten die vermeintlich äußerlichen Merkmale von Kurztexten unweigerlich hervor, sofern sie eine intensive Lektüre einfordern. In diese kann alles, ihr Erscheinungsbild, das Seitenformat, Nachbartexte oder gar Schriftarten, einbezogen werden. In der Typografie existieren dementsprechend ganz unterschiedliche Vorstellungen, wie mit diesem Erscheinungsbild literarischer Texte umgegangen werden soll. Die einen bestehen darauf, dass literarische Texte keinesfalls "typografisch inszeniert" werden dürften — eben weil dadurch unsere tiefsitzenden Lesegewohnheiten ignoriert oder ausgehebelt würden. Andere wiederum setzen auf Klassizität und hoffen so, als Gestalter gänzlich in den Hintergrund treten zu können. Dem gegenüber steht ein Zugang, der die Gestaltung als eine zusätzliche Möglichkeit betrachtet, die spezifischen Charakteristika und Züge eines Textes herauszustellen — und somit bewusst auf der Ebene gestalterischer Kommunikation und Interpretation zu intervenieren.
All diese Positionen wurden zurecht vertreten, begründet und verfochten und doch gilt es, die Frage nach der Gestaltung von Kurztexten immer wieder neu zu beantworten. In jedem Falle gilt, mit den Worten von Hans Peter Willberg: "Sprache ist nicht nur dazu da, still und konzentriert lesend verstanden zu werden, sie ist auch dazu da, mit den Sinnen erlebt zu werden."
Die Beiträge dieses Heftes sind allesamt in diesem Zwischenraum zu verorten: Es handelt sich dabei um Gedichte, deren Kalkül sich bewusst auf ihre Form erstreckt, um Kurztexte, die Lesegewohnheiten herausfordern möchten oder schlichtweg um Arbeiten, die den Prozess des Gestaltens und Rezipierens als eine produktive Verwandlung begreifen, deren Möglichkeiten fruchtbar gemacht werden sollen. Bewusst haben wir bei der Auswahl der Beiträge nicht nur Gedichte, sondern eben Kurz- und Kürzesttexte im weitesten Sinn berücksichtigt, um das gestalterische Feld ansatzweise ermessen zu können, innerhalb dessen formbewusstes Schreiben aktuell stattfindet.
Es zeigt sich dabei deutlich, dass typografische und gestalterische Register immer öfter zu einem probaten Mittel der literarischen Artikulation werden, dass Autor_innen selbst die Werkzeuge der schwarzen Kunst aufnehmen und als Ausdrucksformen in ihre Schreibprozesse integrieren. Was ganz pragmatisch mit der höher werdenden Verfügbarkeit der entsprechenden Satzprogramme erklärt werden könnte, hat auch eine epistemische Kehrseite: Denn durch die analytische Auseinandersetzung mit den Formatierungen und Präsentationsformen von Literatur kommen auch die Macharten von Schrift und Sinn im Alltag stärker in den Blick. Nicht selten leistet die Literatur so scheinbar nebenbei einen Beitrag dazu, die Aufmachung der uns alle umgebenden Botschaften stärker zu reflektieren, deren Funktionsweise offenzulegen und denkbarer zu machen — um ihre Wirksamkeit zu hinterfragen, diese zu gebrauchen oder auch effektiver widersprechen zu können.


 
Inhalt

Thomas Ballhausen und Matthias Schmidt: Editorial
 
Gerhard Rühm: JENI — TRAUM UND ALBTRAUM. eine litanei für zwei stimmen
 
Xaver Bayer: Fälschung
 
Franziska Füchsl: edges
 
Hannah Bründl: Der Platz der Birke
 
Bastian Schneider: Spielraum [...] frey sein, begegnen
 
Margret Kreidl: Zwei Gedichte
 
Xaver Bayer: Fälschung
 
Herbert J. Wimmer: satire, dystopie, typografie, pazifismus. zu kenneth patchen – schläfer erwacht (am abgrund)"
 
Thomas Ballhausen: Mein Leben als Hai
 
Hugo Canoilas: Werke
 
Xaver Bayer: Fälschung
 
Chris Saupper: 9º34'19.3''N100º00'54.6''E
 
Johann Reißer: Zwei Gedichte
 
Helwig Brunner: gedichte ohne gedichte, gestaltlosigkeit als gestalt. plotskizzen zu einer schubumkehr des poetischen
 
Walter Fabian Schmid: Gutenbergs Erben
 
Xaver Bayer: Fälschung
 
   


Triëdere #19 (2/2018) ist im Juli 2019 im Sonderzahl Verlag erschienen.
Ausgewählte Texte sind online zugänglich.

Umfang: 104 Seiten.
ISBN: 978 3 85449 517 8




 
 
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