Sonderausgabe
alternativlos: flüchtling


Seit dem Zweiten Weltkrieg waren nicht mehr so viele Menschen auf der Flucht wie heute. Viele der Schutzsuchenden versuchen dabei nach Europa zu gelangen, was nicht nur zu einer unerwartet positiven Reaktion von Teilen der Zivilgesellschaft, auch in Österreich und Deutschland, geführt hat, sondern ebenso zu einem deutlichen Erstarken rechtsextremer, ausländerfeindlicher Gruppierungen. Beobachtbar ist auch eine zunehmende Radikalisierung der Sprache wenn es um Personen geht, die dringend unsere Hilfe benötigen. Sowohl in der Öentlichkeit wie auch in den Medien scheint sich mit zunehmender Dauer grosso modo keine Verfeinerung, sondern eher eine Schematisierung von Beobachtungen und Kategorisierungen zu entwickeln. Das ist bedenklich — und Anlass genug, um mit der vorliegenden Sonderausgabe von Triëdere bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern nachzufragen, wo und wie sie Kritik an diesem Tonfall und seinen suggestiven Metaphern vorbringen würden, die sich fast schon zu stehenden Wendungen verfestigt haben. Das bedeutet auch danach zu fragen, ob sich eine andere Diskurslage, ein anderes Sprechen, andere Töne ausmachen oder vorführen ließen, als die großteils rauhen und stereotypen Schemata, die in der massenmedialen Berichterstattung dominieren.
 
Mehr als dreißig Beiträge sind in der Zeit von Ende Oktober bis Ende Dezember, also während der dichtesten Zeit des Jahres, in den meisten Fällen extra für dieses Heft verfasst und unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden. Unter ihnen Gedichte, Prosa, Erzählungen, Essays, Fotos und Tätigkeitsberichte, die auf unterschiedliche Arten mit Begriffen umgehen, Kritik an Sprechverboten und an Vereinfachungen üben, versuchen, durch ihre Perspektivierung, sei es im Essay als ausgestelltes Nichtwissen oder in einer Erzählung, verborgene Seiten der Situation sprachlich zugänglich zu machen. So gibt es Texte, die diese Perspektivierung explizit reflektieren und andere, die sich eines provokanteren Zugangs bedienen, um den (bitteren) Witz als mögliche Form von Respekt und Kritik vorzuführen. In vielen Beiträgen wird Bezug auf alle möglichen naturalisierenden Bewegungsmetaphern, wie etwa die "Flüchtlingswelle" oder die österreichischen und deutschen "Wörter des Jahres 2015", nämlich "Willkommenskultur" und "Flüchtlinge" genommen und nach den stillschweigenden Voraussetzungen und Wirkungen dieser und anderer Diskursmittel gefragt. Es finden sich Blicke auf globale und historische Zusammenhänge wie auch solche, die sich auf unmittelbar Gegenwärtiges konzentrieren. Alle Beiträge haben dabei ihr Engagement gegen Vereinfachung und ihr jeweils prinzipielles Ja zur Hilfestellung gemeinsam. Dieses vertritt auch das Herausgeberteam unbedingt. Wir möchten Sie anhand der versammelten Beiträge einladen, den darin aufgefächerten Ideen, Reflexionen und Blickwinkeln nachzugehen, diese abzuwägen und weiterzudenken. Neben den hoffentlich im Kleinen erreichbaren Differenzierungen der Betrachtungen wird der Erlös aus dem Verkauf und den Spenden für das Heft zur Unterstützung von ehrenamtlichen Deutschkursen verwendet. Genauere Informationen dazu werden in den kommenden Wochen auf dieser Website veröffentlicht. Auf dass die Welt bunt und vielfältig bleibe und wieder friedlicher werde!

Peter Clar, Matthias Schmidt, Eva Schörkhuber und Daniel Terkl



Inhalt
Thomas Stangl: Den Ort verlieren
 
Hakan Gürses: Schlachtfeld Sprache
 
Wolfgang Müller-Funk: Psalmen
 
Monika Vasik: Leerstellen
 
Adrian Kasnitz: Gedichte
 
Tobias Roth: Quantitäten
 
Irene Suchy: Die Schutzsuchende
 
Jérôme Segal: "Migrants ou réfugies"
 
Jakob Kraner: Urin, Drogen und der andere
 
G.H.H.: Zuhören und widersprechen
 
Gabriele Petricek: Das große Los
 
Daniel Terkl: Danke, dieses Gefühl ist die Liebe, die mich weiter trägt und strahlen lässt ...
 
Alain Jadot: Gedichte
 
Barbara Zeizinger: Liebe allein genügt nicht
 
Kerstin Putz: heute keine powerpoint
 
Lena Mareen Bruns: Gedichte
 
Anne Schülke: tired society
 
Markus Köhle: Anstöße
 
Gerald Lind: Keiner hilft keinem
 
Gerhard Ruiss: Krieg spielen
 
Sarah Ellersdorfer: Bildpolitiken
 
Barbara Frischmuth: Nachdenken über Alternativen
 
Michele Marullo: An Merkur
 
Verena Stauffer: Die Ordnung der Linge
 
Tim Holland: Gedichte
 
Elena Messner: Sprachübung Lexik und Rhetorik
 
Sole Noir: Wenn ich das höre ...
 
Die Schweigende Mehrheit: Organspende-Nestroy
 
Silke Vogt: Flüchtige Reflexionen
 
Chris Bader: Flucht vor Flüchtlingen: Wiener Wahrnehmungen
 
Claudia Tondl: andererseits
 
Michael Hillen: Gedichte
 
Thomas Ballhausen: "und nicht war ruhe der feldschlacht"
 
Mieze Medusa: Innere Unfuge
 
Barbi Markovic: walkthrough
 
   


Das Sonderheft ist am 18. Jänner 2016 erschienen.
Alle Texte werden in wenigen Tagen online zugänglich sein.
Umfang: 150 Seiten.





 
 
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