Iris Hanikas Roman Das Eigentliche

Iris Hanikas neuer Roman versetzt die Literaturkritik in einhellige Bewunderung. - Eine Gegenstimme von Alexander Sprung

Iris Hanikas Vorgehen erinnert an Martin Walsers Rede in der Paulskirche. Das war vor einigen Jahren, die Debatte wurde hitzig geführt und gehört heute zum Kanon immer wiederkehrender "Literaturskandale". Für jene, die sich nicht mehr erinnern können: Walser sah damals nur im Privaten, in der persönlichen Aufarbeitung in Familie und Freundeskreis die Möglichkeit einer wahrhaften Erinnerungsarbeit an den Holocaust, die über die üblichen Schreckensbekenntnisse hinausgelangen könnte. In einem Land, in dem jedes Monat eine Gedenkstätte errichtet wird, ein veritabler Skandal.
Iris Hanikas Roman Das Eigentliche ist die literarische Fortführung dieser Differenz zwischen privatem und öffentlichem Gedenken. Das "Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung", in dem der Archivar Hans Frambach arbeitet, leistet was der Titel verspricht: Die Erinnerungsarbeit funktioniert nach allen Regeln wirtschaftlichen Handelns. Dem Archivar bleibt das Füttern des Archivs, dessen Anwachsen allein seine Arbeit rechtfertigt. Als Gegenbild steht das lebendige Gespräch zwischen Hans und seiner langjährigen Freundin Graziela, in dem Ausschwitz den Mittelpunkt bildet. Sie und er leiden "persönlich" an der "deutschen Nazivergangenheit" (28). Erst als seine Graziela einen Liebhaber hat und statt über das Grauen über Parfüms und Kleidung spricht, stellt er seine Arbeit in Frage: Mit dem Verlust des privaten Gesprächs muss er erkennen, wie entwertet seine Arbeit geworden ist. Im schlimmsten Fall ist sie Futter für die Unterhaltungsindustrie:

"Alle Details und Nuancen dieser Geschichte aus unserer Vergangenheit sind sauber abgeschliffen. Im Schleifmehl stochern die Experten, der Kern dieser Geschichte aber paßt ganz wunderbar ins Unterhaltungskino, denn er ist kein Stoff für Tragödien." (164)

Hanikas Roman will eine Diskussion wieder beleben, scheitert aber an den plumpen Stereotypen, die er konstruiert. Hier das Heil im Privaten, dort der Schein in der Öffentlichkeit. Sein und Schein. Eine Dialektik im modernen Wortsinn ist an diesem Roman vorbeigegangen. Klar ist auch warum: der Roman will eine Anklage sein, dazu muss man Stellung beziehen. Das ist verständlich, aber braucht es dazu eine literarische Form?
Natürlich ist zu fragen, inwiefern Institutionen Denk- und Sprechverbote und Arten der Erinnerung vorschreiben - und ob das Trauma Holocaust nicht eine ganz andere Art der Erinnerungsarbeit erfordert. Selbst Freud dämmerte in seinen letzten Jahren, dass eine erfolgreiche Erinnerungsarbeit einen Chock benötigt. Dass Erinnerungsarbeit unkontrolliert verläuft und die affektive Seite dabei eine Hauptrolle spielt.

Man muss kein Ästhetizist sein, um von Literatur Spracharbeit und Differenzierungsvermögen verlangen zu können. Wo sonst hat sie ihren Platz, als am Rand, als in dem Außen, aus dem Kritik an den Fertigbauteilen einer Sprache, die sich ins Recht setzen und Gesetz werden will.
Die Literaturkritiker aber, allen voran Denis Scheck, sind von dem Roman überwältigt: Er ist das "Anregendste was man in dieser Saison lesen kann" und ein "Meistwerk".
Der Kulturspiegel nennt sie eine "kluge und aufrichtige" Schriftstellerin, die literarische Welt spricht von einer "wohltuenden Kühnheit" und der Tagesspiegel von einer "bewundernswert ungeschützte(n) Hartnäckigkeit". Das sind wohlgemerkt alles Attribute der Autorin - und unverhülltes Lob für ihren moralischen Impetus. Allein die FAZ lobt das "avancierte Schreibverfahren" der Autorin, die nach heiklen Passagen schon einmal Leerseiten einfügt - endlich eine Besprechung der Form, wenn auch Leerseiten bekanntlich keine Sätze enthalten. Immerhin, man hat Lust bekommen, das Buch zu lesen.
Nur leider vergeht einem die Lust dabei ziemlich schnell. Ein Beispiel:

"Die Nase war etwas schief. Von ihr aus gesehen, zeigte sie nach rechts, vom Betrachter aus gesehen, nach links. Ihre Augen hingen irgendwo unter der Stirn. Sie waren graublau.
Ihr großer Mund hatte fast keine Farbe, man bemerkte ihn nur, wenn sie sprach, als eine etwas anders strukturierte Form um das sich bewegende Loch in dem rohen Entwurf, der ihr als Antlitz diente." (28)


Es mag zwar möglich sein, dass man lechts und rinks verwechselt wenn man sich über den Betrachterstandpunkt im Unklaren ist, aber eine weniger ausführliche Beschreibung hätte es auch getan: "Von ihr aus gesehen, zeigte sie nach rechts." Das ist aber leider noch nicht alles: "Ihre Augen hingen irgendwo unter der Stirn." Welch ein Glück, dass sie nicht neben oder gar über der Stirn hingen, wie würde das aussehen? Und wie sieht ein großer Mund aus, den man nur bemerkt - man beachte das nur! - wenn sie spricht? Aber die Beschreibung geht ja weiter: es ist eben, so der Erzähler, eine "etwas anders strukturierte Form um das sich bewegende Loch" - anders als was? Als das Loch? Als die Nase oder die Augen? Und ist das Hilfsverb "diente" Rollenprosa oder einfach nur schlecht geschriebenes Deutsch?

Diese Sätze finden sich gleich zu Beginn, auf Seite 28, des von Scheck so apostrophierten "Meisterwerks". Hat Denis Scheck sich also wirklich von dieser Personenbeschreibung anregen lassen? Könnte man sie eventuell unter Rollenprosa verbuchen und aus Frambachs Blickwinkel lesen - immerhin ein Verehrer Angela Merkels, eine graue Maus, deren sozialer Interaktionsradius überschaubar bleibt?
Wie aber ist dann ein Satz wie dieser zu erklären?

"Er legte seinen Körper dann ganz gerade genau in die Mitte des Bettes und die Hände aufs Sonnengeflecht." (81)

Legt ein Archivar und Merkel-Liebhaber seine Hände wirklich auf das "Sonnengeflecht" und nicht auf seinen Bauch oder seine Brust? Ist das noch Rollenprosa oder nicht eher die Hilflosigkeit der Autorin auf der Suche nach dem richtigen Wort?
Besonders schlimm wird es da, wo sich der Text in seine eigenen Metaphern verliebt:

"Dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück (sie saßen in den facilites für wichtige Gespräche) und lachte so laut, daß das Kettenkarussell fast waagrecht um ihn herumflog. Frambach duckte sich." (50)

Wie man ein "Kettenkarusell" mit einem "lauten Lachen" kurzschließen kann, ergründet sich mir nicht. Und warum Frambach sich in diesem sonst sehr nüchtern-realistischem Schreibstil auf einmal "duckt" ist auch kaum nachzuvollziehen.
Aber auch andere Metaphern haben die Fähigkeit, sich in der realistischen Umgebung dieses seltsamen Instituts zu manifestieren: da ist zB das "Lächeln", das Frambach jeden Morgen aufsetzen muss, um seinen Lebensekel zu verbergen. Nachdem es nicht mehr gebraucht wird, lässt Hanika Frambach es "im Dunkeln auf dem Boden" liegen, wo es von einer "Putzfrau in die Ecken" geschoben wird. Denn dazu "fehlte ihr das Gerät." Wenn das Lächeln aber ganz real "geschoben" wird, dann wünschte man sich, die Putzfrau besäße - wie alle anderen Putzfrauen - einen Staubsauger - aber nein, das ist unliterarisch. Stattdessen bleibt das Lächeln den Roman - und Jahre! - über in den Ecken liegen. Ein Absatz aus den letzten Seiten des Romans:

"Im Flur wirbelte er die großen Haufen aus seinem Lächeln auf, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt hatten, und während das viele Lächeln in der Luft herumflog, küßte es ihn schmetterlingsleicht von oben bis unten ab. Das prickelte auf der Haut." (146)

An einer anderen Stelle kann man eine beobachten, wie die Simile sich gegenseitig übertrumpfen und zum Schluss nichts mehr miteinander gemein haben:

"Es [das Haar] umfloß sie bis zu den Ellenbogen hinunter, und da sie stets darauf achtete, es nicht in Bewegung zu bringen, kam sie ihm manchmal vor wie eine Statue, ein gleißender Empfangsbuddha. Meistens aber wie der Drache vor der Höhle. Oder die Hüterin des Grals. Und manchmal wie die Bestie von Buchenwald." (18)

Abgesehen davon, dass das Haar zu den Ellenbogen "hinunter" fließt - wohin denn sonst? - sind die Simile "Empfangsbuddha" und "Bestie von Buchenwald" aus derart unterschiedlichen semantischen Feldern entnommen, dass man sich nur wundern kann, wie sie zusammenkommen können.
Zu guter letzt enthält der Roman auch eine Menge an Banalitäten, die mit einer Selbstgewissheit beschrieben werden, als handle es sich um bahnbrechende, gewichtige Einsichten.

"Nur die Zeit vergeht, in jeder Sekunde, tick tick tack, schon wieder eine Sekunde herumgebracht bis zum Tod." (63)

Abgesehen von der Banalität, dass "in jeder Sekunde" Zeit vergeht, käme man bei "tick tick tack" ja schon eher auf drei Sekunden, aber Genauigkeit ist Hanikas Sache nicht. Oder dieser unumstößliche Satz: "Am schwersten haben es natürlich die, auf deren Schultern die ganze Welt lastet" (151), der "natürlich" richtig ist usw. Ich wäre mit den Aufzählungen lange noch nicht zu Ende, den Rest erspare ich mir aber lieber.
Es hilft nichts: Diesem Buch mangelt es an dem "Eigentlichen" der Literatur. Lobeshymmnen von "Literaturkritikern", die sich auf derart erschreckende Art und Weise falsifizieren lassen wecken den Verdacht, dass sie das Buch nicht wirklich gelesen haben. Und wenn das stimmt - wozu brauchen wir sie dann noch? Schade für alle Schriftsteller und Künstler, die ihr Leben lang an der Sprache arbeiten, neue Darstellungsformen erproben und sich dem Unscheinbaren nähern. Sie werden unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiterschreiben - den Fördertöpfen und ihrem unbeugsamen Willen sei Dank.





Iris Hanika: Das Eigentliche. Graz/Wien: Droschl 2010.
(Die angegebenen Seitenzahlen sind dieser Ausgabe entnommen.)
 
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