Are you saved?

Von Ines Birkhan

Von warmen Luftströmen bewegt schaukelt das halbkugelförmige Gebilde sanft und einladend. Es misst über sieben Meter, ist hautfarben und mit Riesenbrüsten übersät. Wie Ballone sind diese dicht an der Oberfläche des Hügels abgebunden und wohl mit Helium gefüllt, denn sie streben vertikal nach oben und zupfen an dem Hügel, als wollten sie ihn vom Boden lösen und in die Höhe zum Glasdach ziehen. Im Inneren der Halbkugel muss es Gewichte geben, die das verhindern. Trotz seines schwebenden Charakters bildet das Objekt den Schwer- und Mittelpunkt der weitläufigen Halle. Es wird zwar von hohen, recht massiven Metallgerüsten umkränzt, durch die Präsenz des Unikums wirken diese jedoch unwichtig und zerbrechlich.

Zwei Menschen betreten nun die Halle. Sie sind beinahe nackt. Ihre Haut leuchtet und erstrahlt im Scheinwerferlicht. Mit eigenartig somnambulem Gang steuern sie auf das Objekt zu, um es dann in langsamen Bahnen zu umschweifen. Ihre Bewegungen erwecken den Anschein desorientierter Entrücktheit, bis sich das innere Ziel Ausdruck verschafft — eine Art Hunger, der die beiden mit konkreten Anweisungen versieht.
Mit der Zeit wird auch für Außenstehende klar, dass sie einen günstigen Einstieg in die gekrümmte Wand suchen.

Julia streckt um vorzufühlen ein Bein nach vorne, mit dem nackten Fuß den blassrosa Überzug des Riesenhügels sachte antippend. Er besteht aus einem Gewebe, das organischer Haut sehr nahe kommt. Als sie den Druck von Zehen und Fußballen in das Gewebe erhöht, lässt sich die Materie darunter erahnen — Gummi oder Silikon. Dann rutscht der Fuß mitsamt der obersten Hautschicht ein wenig abwärts. Sie wiederholt den Vorgang. Es scheint ihr zu gefallen, dieses Spiel mit dem Material. Sie will das Ding besteigen!
Um den Ansatz der nächstgelegenen Riesenbrust zu erreichen, lehnt Julia den Bauch gegen die gewölbte Form und streckt auf den Zehenspitzen balancierend die Arme so weit wie möglich nach oben. Aber das hilft nicht, die Entfernung ist zu groß, also beugt sie die Knie, drückt sich kraftvoll vom Boden weg und nutzt den Schwung, um Richtung Brust zu gleiten. Es gelingt ihr, diese zu fassen. Während sich ihre Finger in die Oberfläche krallen, steigt Julia, die Beine fest gegen den gigantischen Hügel gestemmt, so lange weiter, bis sie die abgebundene Stelle der Brust umklammern, sich hochhieven und dort niederlassen kann.
Auf ihrem schwankenden Hochsitz verspürt sie bald das Verlangen, die Rundung mit den Armen an sich zu drücken, ihr das Becken entgegenzupressen. Zur Gänze in dieser Umarmung zu versinken, will allerdings nicht gelingen, denn der Herzschlag erhält durch den Hohlraum der Ballonbrust einen künstlich wirkenden, befremdlich hallenden Klang.
Dann sind feste Schritte zu hören und eine Stimme, die ihr von unten etwas zuruft. Unter der Riesenbrust steht ein blonder Mann, den Kopf hochgereckt. Herr Van Buyten? Ein Gemisch aus Zigaretten- und Mentholkaugummiduft dringt nach oben, seine Linke spielt mit einem Schlüsselbund. Are you saved?, ruft er. Momentan verunsichert richtet Julia sich auf und blickt um sich. Tatsächlich, auf der Brust schräg hinten sitzt Lorenzo. Sein Körper ist angespannt, seine Augen suchen nach Rat. Der Umstand, dass ihr Freund nackt ist, abgesehen vom Leopardenfelltanga, aus dem seitlich die Spitze seines steifen Schwanzes hervortritt, erscheint ihr plötzlich seltsam, ebenso der neongelbe Bikini auf ihrer gebräunten Haut.
Are you saved?, wiederholt Van Buyten.
Sorry?, bringt sie hervor. What exactly do you mean, sir?

Wie aus einer Trance erwachend schärft sich Julias Blick. Jetzt erst nimmt sie den Raum und die Installationen bewusst wahr und ruft sich die genaueren Umstände und den Grund für das Treffen mit dem Zweimeter-Niederländer in Erinnerung. Sie war es, die bei diesem Dreh mitmachen wollte. Lorenzo hatte sich dazu überreden lassen. Van Buyten skizzierte rasch einen Anfahrtsplan zu dem ehemaligen Hangar außerhalb Rotterdams. Und seine Fragen waren damals unkompliziert und rein professioneller Art: Wie groß ist dein Schwanz? Wie alt bist du? Auch heute erweckt der Hüne wieder das gewisse angenehme Sicherheitsgefühl, den Eindruck, man sei in seinen Armen gut aufgehoben. Dass dieser Mann viele Fäden in den gewaltigen Händen hält und es ihm gelingt, diese parallel zu führen, versteht sich von selbst. Das Anheuern möglicher Darsteller und Darstellerinnen, die geschäftliche Abwicklung und einzelnen Drehs greifen bei ihm wie gut geschmierte R├Ądchen ineinander. Trotzdem verwirrt ihn im Moment das fehlende Verständnis zwischen den Parteien. Perplex greift er in die Brusttasche, um ein Zigarettenpäckchen hervorzuholen. Das schwarze Leder seiner Jacke scheint durch eindringliches Knirschen vermitteln zu wollen: Es ist eine überaus simple, eine rein pragmatische Frage!
Tja, wo bleibt also die Antwort?
Schließlich nickt Julia bejahend, einfach, um den Arbeitsprozess nicht weiter aufzuhalten, und legt dann, erschrocken über ihre Antwort, den Kopf schnell wieder auf der Riesenbrust ab.
Are you saved? Was kann er nur meinen? Ist das ein protestantischer Scherz?

Das Gewoge des polymastoiden Objekts übt nach wie vor eine beruhigende Wirkung aus, und Julia fühlt sich wohl hier. Außerdem genießt sie die immense Erregung, die ihre Glieder durchströmt. Als sie sich nach geraumer Zeit wieder zu Lorenzo umwendet, ist von ihm außer einer Hand mit Feldstecher nichts zu sehen. Er muss ihren Hintern im Detail studiert haben. Sie klettert eine Brust höher und lässt sich lächelnd nieder. Erst jetzt bemerkt sie, dass die Mastoi mit Nummern versehen sind. Ihres trägt die Nummer 13, Lorenzos die 17. Weiterhin betrachtet er sie durch das Fernglas, das jetzt eindeutig auf die Brüste zielt, und kommt aus seinem Versteck hervor. Ihr Blick schweift von Lorenzos vollen Lippen über den dunkel behaarten Oberkörper, den Bauchnabel hinab zu seiner Hand, die den Leopardentanga bereits zur Seite gezogen hat, um den wohlgeformten roten Prügel zu kneten. Als sie ihn um den Feldstecher bittet, wirft seine freie Hand ihr diesen zu. Leider verpasst sie während des Scharfstellens den Augenblick, in dem Lorenzo kräftig in die Hand spuckt und diese wieder um die Eichel schließt. Die Kamera jedoch hat ihn eingefangen! Mit entspanntem Gesicht, die Schläfe gegen eine Wölbung gelehnt, spricht Lorenzo beinahe träumerisch vor sich hin: Are you saved?

Lächelnd blickt sie um sich. Zum ersten Mal registriert Julia bewusst den Kameramann auf einem der zahlreichen Gerüste. Der Bildschirm seiner Videokamera zeigt im Folgenden, wie sie sich mit katzenartiger Geschmeidigkeit in den Rahmen rückt und anschließend den Zeigefinger an den Mund bringt, der dort Mittelpunkt eines kreisenden, saugenden Lippen- und Zungenspiels wird.
Are you? ruft Lorenzo auffordernd in ihre Richtung und klettert eine Brust näher. Kamera Zwei folgt ihm. Da streift Lorenzo den Tanga vollends ab und beginnt, seinen Ständer am Objekt zu reiben. Gleichzeitig saugt er am dunklen Riesennippel. Bald wippt nicht nur seine Brust 16 rhythmisch, sondern alle Ballonbrüste und schließlich das gesamte Gebilde. Die zeitverzögerte Abfolge des Auf- und Abprallens, die dumpfen, kurzen Schläge gegen den Hügelkörper und das sanfte punktuelle Ziehen beim Zurückschwingen entführt die Sinne der Akteure in den Bereich wilder Assoziationen.
Kamera Eins und Drei zeigen nun aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie die Frau den Oberteil ihres Bikinis öffnet und spielerisch zu Boden fallen lässt. Hüfte und Oberkörper sind dabei in seitliche, zum Auf und Ab des Riesenhügels gegenläufige Wellenbewegungen übergegangen. Die ausladenden Schlangenlinien der Wirbelsäule lassen, sobald Julia das Tempo erhöht, ihre Brüste hin und her pendeln. Ihr Körper entwickelt parallel zu Lorenzo einen eigenen Rhythmus und Julia lässt als Variation Schamlippen und Klitoris an die Ballonhaut gedrückt kreisen. Auf diese Weise erreichen die beiden einen gemeinsamen Höhepunkt. Mit ausgedehnten Stöhnlauten verlangsamen sie ihre Bewegungen bis hin zum Stillstand — Julia, die lange blonde Mähne in den Nacken geworfen, Lorenzo, weiterhin die Riesenbrust umschlingend. Danach blicken sie sich jubelnd an. Tief unten aber klimpert ein Schlüsselbund. Van Buytens Stimme wirkt jetzt unangenehm laut und sein niederländischer Akzent tritt penetrant in den Vordergrund. Hey, that's not okay. You have to reach the top before! Etwas umgänglicher lenkt er ein: There is a pleasant surprise waiting for you. I promise.
Auf sein Zeichen hin setzt das Paar also den Anstieg zum Gipfel fort. Lorenzo klettert oberhalb seiner Freundin. Damit kommen sowohl Julia als auch Kamera Eins in den Genuss einer Untersicht auf seine Pobacken und drallen Eier.

Will man das gesamte Objekt mit der Kamera einfangen, erscheinen die zwei nackten Menschen wie winzige Tierchen auf einem schwankenden Hügel. Ihre Körper dehnen und strecken sich in alle Richtungen. Es kostet Anstrengung und fordert hohe Konzentration, die günstigsten Griffmöglichkeiten zu finden, die ein Hochziehen erlauben. Die Füße schieben wiederholt die lose sitzende Überhaut der Polymastoidwand nach unten. Obwohl diese extreme Dehnbarkeit natürlich den Aufstieg erschwert, gewinnen die kletternden Gestalten allmählich an Höhe. Auf Brust 32 unterbricht Julia ihren Weg, um sich des Stringtangas zu entledigen. Die Knie weit zu den Seiten hin geöffnet, klettert sie dann weiter. Der Kameramann verfolgt sie mit zufriedenem Grinsen von unten. Ihm gefällt das — in diesen Filmen inzwischen unübliche — Haargekringel auf ihren Schamlippen. Aus seiner Sicht macht darüber hinaus die enorme Beweglichkeit ihrer Hüftgelenke diese Großaufnahme zu einem seltenen Juwel des Live Art Porns.
But she is not saved!, ertönt da plötzlich Van Buytens lautes Organ — sichtlich empört. We need smooth skin here. We cannot use this material! Stop everyone! Cut! Obwohl Lorenzo und Julia hinsichtlich saved und shaved endlich ein Licht aufgeht und sie über Van Buytens irreführende Aussprache des Englischen lachen müssen, scheren sie sich jetzt um keinerlei Einwände, schon gar nicht darum, ob Julia rasiert ist oder nicht. Das Ziel ist zum Greifen nahe, sie sind an der Schwelle zum Gipfel angelangt! Dort gibt es anstatt eines Kreuzes eine rote Mini-Eichel oder riesige Klitoris zu entdecken. Noch ist das Hybridorgan ein wenig unter den synthetischen Hautschichten versteckt, das gesamte Umfeld fühlt sich warm an und unterliegt einem rhythmischen Pulsieren. Außer Atem ziehen die beiden die leuchtende Knospe frei und genießen ihren herrlichen Duft.





Erschienen in Triëdere 2/2012, 113-118.



 
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