Das Bild, die Welt, sie selbst, ihre Verwandlung. Jean-Luc Nancy und die Wahrheit der Bilder.

Eine Impression. Von Christian König

 

L'image est une chose qui n'est pas la chose: essentiellement, elle s'en distingue.
(Nancy, Au fond des images, S.13)

Das Bildliche transportiert Unsicherheiten. Die Herausforderung des 'Imago' gegenüber dem 'Cogito' nährt sich aus den Bezugsverhältnissen von Gegenstand und Abbildung, Form und Idee, Innen und Außen des Bildes. Die darin und dazwischen gespannten Paradoxien samt einzubeziehender Betrachter und Perspektiven lassen das Bildliche einen philosophischen Zankapfel sein.
Dass das Bild in den Tiefengrund philosophischen Denkens abgetaucht wurde, könnte im gleichen Zuge so klar wie klärungsbedürftig sein. Denn schon seit Platons Sophisten1 stellen sich für jede bildliche Überlegung die Paradoxien von Schein und Wahrheit zur Entscheidung, ohne dass weder ein endgültiges Bilderverbot von Seiten der Philosophie erreicht wurde, noch auch eine endgültige Autonomie des Bildwerkes von einer gedanklichen Sekundierung. Offenbar braucht das Bild das Denken. Oder braucht das Denken auch das Bild?
 

C'est ce sens qui peut être nommé 'Idée', 'pensée' ou 'forme'. C'est ce sens [...] qu'il s'agit de désigner et de dessiner, c'est lui qui fait l'entier dessein de ce que nomme ce terme si enigmatique et parfois si confus d' 'art'.
(Nancy, Le plaisir au dessin, S.19)

'Das vergangene 20. Jahrhundert begann mit Bewußtsein, verausgabte sich an die Sprache und endet im Bild.'2 Wenn das stimmte, was haben uns Bilder zu sagen? Der zeitgeistige Filter, durch den die Bilderrätsel fließen, ist längst fakultätenweise aufgespannt und beschäftigt keine geringe Zahl von | Stipendiaten und professoralen Steuermittelempfängern. Die vom iconic turn überlasteten Kulturwissenschaftler buchstabieren jeden Winkel des Bildlichen, Imaginäen, Fotografierten, ästhetisch Quadrierten, filmisch Bewegten aus, sodass die grundsätzlichen Theoriekoordinaten des Bilddenkens in diskursivem Fluss bleiben. Der avantgardistische Geschmack des Themas Bildlichkeit hat auch philosophische Arbeiten auf den Plan gerufen. Uns soll es im Folgenden um einige Theorieanregungen Jean-Luc Nancys gehen, der sich den Unsicherheiten einer Bestimmung des Bildlichen stellt, und zwar, so unsere Behauptung, auf eine epistemologisch derart geschickte Weise, dass der Grund der Bilder zum Grund des Denkens wird.
 

Mais le 'fait accompli' du dessin n'est pas simplement celui d'une monstration de la chose: il est celui d'une monstration de la forme, de l'idée, de la pensée.
(Nancy, Le plaisir au dessin, S.15)

Drei Thesen sollen den Leser für die folgenden Gedanken zu und mit Nancy provozieren:
1. Jedes Bild ist die Produktion von Wahrheit.
2. Das Bild ist das Zeigen, die Demonstration des Denkens einer Sache, und zwar als dessen Idee.
3. Das Bild als Versammlung eines Sinns ist Grund des Denkens.

I.
Nach Nancy sind nicht nur die Paradoxien der Repräsentation wahrheitsrelevant für das Bild. In seinem Bildbegriff geht Nancy soweit, dass im Bild das Sein, das Dingliche, die Sachheit in einen Selbstbezug tritt, der etwas über die Selbstheit des Seins, der Sache verrät, und zwar nicht repräsentationslogisch, sondern als immanente Identitätskraft, als Formationskraft des Bildes. Seine Form ist Idee, die Idee als sichtbare Form. Idee kennzeichnet dabei eine Demonstrationskraft, eine Bildungskraft, eine Formationsbewegung, die unablässig und unaufhörlich an der Transformation der Wahrheit arbeitet.
 

... la v´rité de la chose ne saurait être donnée une fois pour toutes ...
(Nancy, Le plaisir au dessin, S. 20.)

| Was die Wahrheit der Bilder betrifft, geht auf ihre Inhalte. Die gegenständliche Charakterisierung von Bildinhalten geht fehl. Die Objekte in den Bildern verwandeln sich in intime Größen. 'Mais toute chose aussi [...] quitte son statut de chose et devient une intimité.'3 Der naheliegende Ausschluss von Subjekt/Objekt - Verhältnissen ist nur die sprachtheoretisch gezogene Konsequenz aus der Irritation des Cogito durch das Imago. Nicht ein Ich denkt die Bilder, sondern etwas denkt aus den Bildern heraus, denkt durch die Öffnungen seiner Differenzen hindurch. Das Bild ist bei Nancy das Distinkte schlechthin, ja vielleicht der Aufenthaltsort, die Versammlungsstelle für eine Verschiebung, für einen Entzug, durchaus in struktureller Nähe zur Derrida'schen différance gedacht ohne deren ikonologisches Exil zu sein.
Das Bild wird ein ausgezeichneter Ort dieser Entzugsform. Das Bild wird das Distinkte, wird Distinktion. Die Wahrheit bleibt für das Bild konsequenterweise an die Form gebunden, wobei der Übergang vom Ungeformten zur Formation das ganze Geheimnis des Sinns versammelt. Nancy expliziert das vor allem am Beispiel der Linienzüge der Zeichnung, in welchen er eine wahre Lust zum Gezeichneten, zum Formieren demonstriert sieht, und zwar nicht von Seiten des Zeichners, sondern als Lust und Begehren des Bildes selbst.
 

Le dessin est donc l'Idée: il est la forme vraie de la chose. [...] il est le geste qui procède du désir de montrer cette forme, et de tracer afin de la montrer.
(Nancy, Le plaisir au dessin, S. 15.)

II.
Die gezeichnete Linie ist kein Abschluss einer Repräsentation. Die Linie, das Zeichen, der graphische Strich sind eine Eröffnung, die zwar stets auf die Schließung einer Form hinzielen, aber ihre repräsentativ gestützte Wahrheit nie erreichen und damit den Formationsprozess abbrechen würde. Was traditionell mit Mimesis belegt ist, kommt bei Nancy begrifflich dann ins Spiel, wenn es um die Sache selbst geht. Und dies in mehrfachem Sinn. Denn der Begriff der Mimesis konfrontiert nicht nur mit der Unsicherheit des gegebenen Gegenstandes im Bild. Mimesis konfrontiert auch mit dem Sinn des Dargestellten. Denn insoweit die Magritte'sche Paradoxie der | Abbildung gültig ist ('Ceci n'est pas une pipe')4, soweit zählt auch das Verlangen (désir) des Bildes, seinen Gegenstand zu besitzen ('Ceci est une pipe')5, ja sogar der Gegenstand selbst zu sein, und zwar als dessen Idee. Trüge nicht die Idee als impliziter Formationsprozess den Bildinhalt, so wäre gar nichts zu erkennen, ergo nichts zu sehen. Der Sinn des Bildes im Verständnis der Selbstheit des Gegenstandes ist nicht auf seiner Oberfläche schlicht gegeben. Er ist nicht aisthetisch berührbar, wirkt aber ästhetisch. Er ist nicht präk;sent, ermöglicht aber, dass überhaupt im Bild etwas gesehen werden kann, dass überhaupt irgendeine Identität im Bild greifen kann. Der Sinn ist diejenige Intimität, die abseits jeder Signifikation im Bild je schon etabliert ist, seine Distinktionskraft erzeugt, das Dargestellte als es selbst in seiner Selbigkeit (mêmeté) erscheinen lässt und die Oberfläche des Bildes als den alleinigen Ort dieses Ereignisses ausweist. Damit das Bild diese Selbigkeit ausweisen kann, bedarf es schon die Differenz zu seiner Sache. Der spezifische Unterschied ist gerade diese Bewegung auf die Selbigkeit des Bildinhaltes zu, das zu werden, was es schon ist - die Sache selbst.
 

La mimesis n'est pas la copie, ni l'imitation reproductrice. Elle re-produit au sens où elle produit à nouveau, c'est-à-dire à neuf, la forme, c'est-à-dire l'idée ou la vérité de la chose.
(Nancy, Le plaisir au dessin, S. 18.)

Der mimetische Zug des Bildes repräsentiert dabei nur den Drang, das Verlangen (désir) zur Selbstheit des Gegenstandes hin, zur Realpräsenz (présence réelle) seines Inhaltes, wobei diese Präsenz gerade das Bild vom Wirklichen unterscheidet. Das Bildsein der Dinge (l'être-image) unterscheidet es vom Dasein der Dinge (l'être-la). Und in deren Differenz liegen die Formationspotentiale, die vorher für das Bild ausgewiesen wurden.
Die Singularität, die Intimität eines graphisch, bildnerisch Geschaffenen verweist die Reflexion auf ein Denken der Linie, entlang der Linie, entlang der Grenze zwischen Form und weißem, nichtigen Umland. Der Bildausdruck ist somit Ausdruck eines Denkens, einer Idee als Kraft eigener Formation.
Im Bild versammelt sich als Sinn (sens) dasjenige, was zu fühlen (sentir) gibt, was berührt (toucher), was von einer Intimität zeugt. Eine Form gebären | (lassen) heißt immer einen Sinn erzeugen. Und das ist was Bilder machen. Und sie brauchen sich dabei nicht auf Hintergründe, Innen- und Außenverhältnisse, Abbildungsparadoxien zu verlassen. Ihnen genügt die Oberfläche, ihre Oberfläche, wo sich der Sinnfluss formiert und ausdrückt. Ihre Erhaltungsdifferenz ist schon in dieser Oberfläche zu finden, in dem Formationsdrang der Bilder.
 

Le désir - avec son plaisir et/ou sa peine - n'est pas la réponse d'un sujet à un objet (donné ou manquant): il est avant toute chose une réponse ou un renvoi de l'être à l'être même.
(Nancy, Le plaisir au dessin, S. 21.)

III.
Die mimetischen Bezugsverhältnisse, die sich zwischen Berührung und Unberührbarkeit des Bildes stabilisieren, gewähren den Blick auf die Sachen selbst. Nancys provozierte Selbstheit (mêmeté) will aber nur nennen, was das Bild als Anderes der Sprache zeigt. Das Bild besitzt, wie die Sprache, wie der Begriff eine Identitätskraft, eine force du même6 , welche sich nicht auf Identifikation und Bedeutung (signification) stützen muss. Die Wahrheit des Bildes liegt somit offensichtlich in einer Differenz, in einem Entzug von jedem Identifizierten, Identifizierbaren, Bestimmbaren, ist aber gleichzeitig doch es selbst, ist seine Sache, sein Gegenstand.
Als Wahrheit des Entzugs ergibt sich dann das Unberührbare, das Distinkte. Was nicht berührt werden kann, ist für Nancy eine Präsenz im Bild. Präsent sind weder ein Gegenstand, noch eine Bedeutung. Präsent ist die Formation einer Form. Die Idee einer Sache, die sich ständig im Bild formiert und damit als zugreifbare Größe sich entzieht (anders gesprochen: das Bild ist der Gegenstand, aber ist es notwendigerweise auch nicht), das macht die innere Kraft des Bildlichen aus, eine formende Kraft, die sich als Wahrheit des Bildes zeigt und in der die ganze Provokation gegenüber begrifflichem, formierendem Denken steckt. Ein Bild verstehen heißt deswegen zu verstehen, dass 'keine Präsenz das Entfernen präsentiert'7, in welcher sich das Bild ständig aufhält. |
Nancys sprachlich-methodische Einwühlungen in das Feld der Malerei und bildenden Künste geben sich wie ein Bild, als ein 'Versuch, dem Unsichtbaren auf gewisse Weise ins Gesicht zu sehen und die Geste des Sehens und des Sehen-lassens bis zur Blendung des Blicks und dem Weißglühen der Leinwand zu tragen.'8 Die Arbeit am Begriff des Bildes deckt dabei seine Exkurse in die ontologischen und epistemologischen Gebiete der Philosophie. Und so geht es zuletzt auch nicht um einen Kunstbegriff oder ein Geheimnis hinter den Bildern. Das Hinter-den-Bildern ist der schon lange entlarvte metaphysische Sinnhorizont, dessen monströser Verlust mindestens seit Nietzsche die Denkwege der Moderne umgebogen hat.9
 

Chaque image est un détourage fini du sens infini, lequel n'est avéré infini que par ce detourage, par le trait de la distinction.
(Nancy, Au fond des images, S.13)

Die Größe der ins Spiel gebrachten Begriffe sollte nicht daran hindern, Nancys Impuls für die erkenntnistheoretische Lage des zeitgenössischen Bilddiskurses zu beachten.
Das Bild, das Ding, die Sache - alles spielt sich in diesen Oppositionen, Positionen, in deren Differenz ab. Hier will das Denken seine ontologischen Bedürfnisse gestillt sehen. Was ist das Bild? Was ist die Sache im Bild? Was sind die Sachen selbst? Was ist die Welt? Was ist der Unterschied von Welt und Bild?
Eine Bildtheorie, wie sie Nancy vorentwickelt, will wissen, welche epistemologischen Effekte sich ergeben, wenn das Bild als ontologische Rahmengröße in dem, was wir Welt nennen, etabliert ist. Nancys Denken bahnt sich hier einen Weg durch einzelne Bestimmungsversuche, wobei seine Sprache stets zwischen Definition und Metapher schwankt. Dieser teils zögerlich-verstörende Gestus mag auf einen Explikationsmangel hinweisen. Es fehlt, auch in unserer Darstellung, eine Reflexion auf das Problem der sprachlichen Zugreifbarkeit auf den Bereich des Bildes, dessen Intimität ja 'hors du langage'10, außerhalb der Sprache wirken soll und einen Sinn versammelt, der ohne festgelegte Bedeutung ist, 'un sens sans signification'. Vielleicht | ist aber das ganze Œuvre Nancys ein Subtext zu diesem Problem, ein dekonstruktiver Kommentar zum Differenzspiel von Sagbarem, Sehbarem, Zeigbarem.
Jedenfalls ist es ein unendlicher Prozess einer Sinnbewegung, ein immer aufgeschobenes Versprechen der endgültigen Bildbestimmung, eine Distinktionsdimension, wo 'der Sinn (oder die Wahrheit) sich unterscheidet ohne Abschluss eines aus Bedeutungen zusammengebundenen Netzes, in welcher Ambivalenz das Bild gleichzeitig nie aufhört zu berühren: jeder gebildete, formierte Satz, jede vollendete, ausgeführte Geste, jede Absicht, jeder Gedanke, jedes Denken setzt den absoluten Sinn ins Spiel (oder die Wahrheit selbst), welcher nicht aufhört vor aller Signifikation auszuweichen und sich zu entfernen (s'absenter).'11


Anmerkungen:
1) Vgl. Platon: Sophistes, 239d-240b.
2) Wolfram Hogrebe: Echo des Nichtwissens. Akademie Verlag 2006, S. 176.
3) Jean-Luc Nancy: Au fond des images. Galilée 2003, S. 27.
4) Vgl. Michel Foucault: Ceci n'est pas une pipe In: Dits et Écrits I, Gallimard 1994. S. 635 - 650.
5) Jean-Luc Nancy: Au fond des images. S. 24.
6) Ebd.: S. 25.
7) Jean-Luc Nancy: Noli me tangere. Übersetzt von Christoph Dittrich, Diaphanes 2008. S. 34.
8) Ebd. S. 31.
9) Der Verlust der 'Hinterwelt' ist Ergebnis der Kategorienaufhebung von Schein und Wahrheit. Als Referenz bei Nietzsche: 'Schaffen wir das 'Ding an sich' ab und, mit ihm, einen der unklarsten Begriffe, den der 'Erscheinung'! Dieser ganze Gegensatz ist, wie jener ältere von 'Materie und Geist', als unbrauchbar bewiesen.' (Kritische Studienausgabe 12, S. 421.)
10) Jean-Luc Nancy: Au fond des images. S. 27.
11) Ebd.: S. 31.





Der Text erschien in Triëdere 1/2010, Seiten 45 - 51. Seitenumbrüche werden mit '|' angezeigt.
 
 
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