Zu Ines Birkhans: Angel Meat. Verwerfungen.

von Gerald Lind

Es gehört zum ungeschriebenen Kodex von Tätowierern, bei Minderjährigen und Gesichtstätowierungen mit großer Vorsicht vorzugehen. Zu groß ist die Gefahr, dem Körper Wunden einzuschreiben, die im Laufe der Jahre zu Narben einer unüberschreibbaren Vergangenheit werden könnten. Ein besonderer Tabubruch ist es deshalb, eine 16-Jährige im Gesicht zu tätowieren — noch dazu mit den Linien eines Totenkopfes. Doch dieser besondere Tabubruch schafft auch einen besonderen Bedeutungsraum: Der Totenkopf im Gesicht wird zum Hypersignifikanten, zu einer nahezu unendlichen Projektions- und Spiegelfläche von Affekten, Phantasien, Träumen, Ängsten, Begierden. Aus dem Mädchen wird Skullface, ein Name, der an den fiktionalen Gangster Scarface erinnert. Skullface ist die Hauptfigur in Ines Birkhans Roman "Angel Meat".

Die Totenkopflinien im Gesicht — gezeichnet von einem Tätowierer der norwegischen Black-Metal-Szene — werden ebenso zu Lebens- wie Grenzlinien für Skull. Eine Freundin aus der Amsterdamer Hausbesetzerszene macht das an einer Stelle des Romans besonders deutlich, als sie Skull in Differenz zu allen anderen Aussteigern setzt: "Sie brauchten nur die dreckigen Dreads abzuschneiden und sich ins heimatliche Auffangnetz fallen zu lassen. Aber das ist bei dir nicht der Fall, du kannst ja nie mehr zurück." (41) Es ist bei Skull wie bei den hochsemantisierten Gesichtstätowierungen der Maori. Das Zeichen im Gesicht bestimmt alles weitere, die Berufsaussichten, die Milieus, in denen man sich bewegen kann, die Anerkennung und Ablehnung, die man erfahren wird.

Dabei verliert Skulls "Tribal", wenn wir ihre Tätowierung so nennen wollen, seine ursprüngliche Funktion der Zugehörigkeitsbezeichnung zu einer bestimmten Subkultur, zu einem Tribe. Schon bald nach dem Aufnahmeritus in die Black-Metal-Community, bei dem die Totenkopftätowierung entstand, verlässt Skull Norwegen und macht sich auf zu einer Reise, die als literarische Vermessung subkultureller Räume in Amsterdam, Brüssel, Paris, Teneriffa oder Berlin gelesen werden kann. Zu dieser künstlerisch-literarischen Topographie gehört auch die Kommune von Otto Muehl in Friedrichshof, in der Skull aufgewachsen ist, und vor allem das Lumpenkabarett, das Gravitationszentrum des Romans und seiner Figuren sowie das Bindeglied zur außerliterarischen Wirklichkeit. Denn "Angel Meat" ist, darauf kann in dieser Buchbesprechung nur verwiesen werden, nicht nur der Titel eines Romans, sondern Signet eines genreübergreifenden Kunstgroßprojektes, an dem Ines Birkhan mitarbeitet und zu dem auch ein reales Lumpenkabarett gehört.

Die sehr genau beschriebenen Performances des literarischen, literarisierten Lumpenkabaretts, das in Berlin beheimatet ist, aber auch in Amsterdam oder Brüssel auftritt, eröffnen die künstlerische Metaebene des Romans. Mit den auf der Inszenierung von Körperlichkeit basierenden Performances und den als spezifische Bedeutungsträger gestalteten Bühnenoutfits der Aufführungsserie "Dancing on Ashes" spiegelt das Lumpenkabarett auf einer symbolischen Ebene zweiter Ordnung Figuren und Themen des Romans. Skull ist eine regelmäßige Besucherin des Lumpenkabaretts, auch alle anderen Figuren des Romans stehen mit dem Performancetheater in Verbindung. Skulls Partnerin Devyani arbeitet dort als Visagistin, der Blogger Boris designt die Kostüme, die todkranke Tänzerin Yu nimmt an einer Audition des Kabaretts in Amsterdam teil, andere Figuren wie die enigmatische Alicja oder die lesbischen Freundinnen des "Runden Winkels" gehen zu den Aufführungen.

Eine zentrale Rolle im Lumpenkabarett wie im Roman spielen Erotik und die surreale Figur der Johanna. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass weder Sex noch Johanna tatsächlich im Text vorkommen. Johanna, vielleicht eine ehemalige Domina oder Prostitutierte, ist nur imaginär, über ihre medialen Oberflächen präsent. Diese (Nicht-)Figur, diese ins Extreme überzeichnete Karikatur einer Global Celebrity, ist eine Art Medienphantom. Man wäre überrascht, wenn es sie außerhalb dieser übermedialisierten Bespielungsflächen geben sollte.

Die sexuelle Konnotierung Johannas ergänzt sich mit den Reden und vor allem der Objektbezogenheit von Sexualität in "Angel Meat". Die Phallusartefakte in Alicjas Haus wie die Dildos in den Auslagen des Amsterdamer Rotlichtviertels sind in gewisser Weise ausgehöhlte Signifikanten, sie stehen für das, was passieren könnte, aber nicht passiert. Besonders deutlich wird diese Tendenz der Abkoppelung von sexualisiertem Objekt und sexuellem Akt in jenem "Fascinum/Fascinus", das Skull — die in Berlin als Goldschmiedekünstlerin arbeitet — für Alicja herstellen soll. Es handelt sich hier um die Reaktualisierung eines römischen Phallussymbols mit "aktivierbaren Klingen und Schneiden" (160), das aber eben "in keiner Weise für physische Anwendung vorgesehen ist." (160-161)

Es ist ein Qualitätsindikator, dass "Angel Meat" nicht nur inhaltlich höchst komplex, sondern auch formalästhetisch spannend ist. Das Erzählprinzip des Romans besteht aus einem Free Floating zwischen Zeiten, Figuren und Orten. In kurzen, mit Orts- und Zeitangabe versehenen und schnell geschnittenen, jedoch tief gehenden Texten werden die Figuren entwickelt und Beziehungssysteme aufgespannt. Die Nicht-Linearität der Erzählung ist gerade so dosiert, dass sie nicht ins Erratische oder den Lesefluss Blockierende führt, sondern vielmehr den Text öffnet und dynamisiert.

Schade ist im Kontext dieses ansonsten gelungenen Erzählformats nur, dass die im ersten Kapitel eingeführte Erzählerfigur des toten und in Skull verliebten Black-Metal-Sängers Dead später nicht mehr auftaucht. Wenn im ersten Akt eines Dramas ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im dritten Akt auch abgefeuert werden, lautet sinngemäß eine Anton Tschechow zugeschriebene literarische Maxime. Doch geht es hier nicht um simple Schreibregeln, die dazu da sind, gebrochen zu werden. Aber eine stärkere Herausarbeitung dieser einführenden Ich-Perspektive hätte zwar womöglich die Offenheit des Textes eingeschränkt, andererseits aber die durch Yus Erkrankung und den Totenkopf in Skulls Gesicht latente Atmosphäre der Todesnähe noch mit einem — um auf die Gewehrmetapher zurückzukommen — Schuss Paranoia und Wahnsinn bereichern können.

"Angel Meat" ist ein Text, der sich auf das, wie es eine Figur nennt, "Subgetue" (48) fokussiert, auf das Subversive, Subkutane, Subkulturelle, Sublime in künstlerischen Ausformungen wie in Lebensentwürfen. Wenn es nun ganz zu Beginn heißt, dass Skull mit ihrer Tätowierung "[m]it einem Schlag der christlichen Bürgerlichkeit für immer entkommen" (9) ist, so scheint hierbei aber zunächst eine recht undifferenzierte Position eingenommen zu werden. Jedoch zeigt sich eben bald, dass es Ines Birkhan nicht mit einer schematischen Kritik eines allseits bekannten Konservatismus zu tun ist. Vielmehr wird im Text gezeigt, dass "Bürgerlichkeit" letztlich nur ein Code für ein Leben nach bestimmten Normen und Regeln ist. Skull ist deshalb als Figur so spannend, weil "sie sich nicht erklären oder definieren will" (42). Erst mit dieser Zuordnungsverweigerung entsteht jene Folie, auf der "Angel Meat" als eine Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Abbild einer uns alle betreffenden Suche gelesen werden kann. Einer Suche mit offenem Ausgang, die alle Lebensbereiche, von Kunst bis Sexualität, betrifft und verbindet.





Ines Birkhans Angel Meat. Verwerfungen. ist 2012 im Neofelis Verlag, Berlin erschienen.



 
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