"Gestalter klingt nach nichts."

Jenna Gesses Reflexionen über das Büchermachen
von Alexander Sprung

 

Obwohl unter den Publikationen der Kultur- und Literaturwissenschaft unter dem Stichwort "Materialität der Kommunikation" ein Zuwachs zu verzeichnen ist, hat sich die Editionspraxis großer Verlage nicht geändert. Innovationen in der Buchgestaltung lassen sich eher im Design- und Werbebereich finden als in der Editionspraxis literarischer Verlage. Die Typographie und Buchgestaltung in kleinen Kunst- und Designverlagen erlebt gerade eine Renaissance: Ausstellungskataloge, typographische Ratgeber, aufwändig gestaltete Kunstbände, Bücher, die in Form einzelner Blätter vorliegen, runde, ovale, dreieckige Formate in Buchform - die Liste ließe sich fortsetzen. Und im Literaturbereich? Selbst die traditionellerweise vor den Taschenbuchausgaben veröffentlichten teuren Hardcoverausgaben bleiben farblos. Buchgestaltung als haptisch und/oder visuelle Anspielung gedruckter Inhalte, als Kommentierung oder Perspektivierung literarischer Stilmittel? Kaum vorhanden. Nicht das jeweils publizierte Buch, sondern das Branding einer Marke - des Verlages - steht im Mittelpunkt. Aus diesem Grund finden sich Lyrik und Prosa und als Untergruppen Haikus und Sonette, Kurzgeschichten und Romane unter Absehung ihrer inhaltlichen wie formalen Differenzen unter einem einheitlichen Erscheinungsbild wieder. Erhellendes hinter schwarzen Suhrkamp-Umschlägen, Fragmentiertes unter großflächig einfärbigen Urs-Engeler Buchdeckeln. Ich selbst habe nach einem Sommer Proust-Lektüre der schwarzen Suhrkamp-Taschenbuchausgabe "proust'sches" in Sylvia Plath oder Ivo Andrics Büchern mitgelesen. Die Farbe Schwarz wurde für mich zur Glocke, die mich unwiderbringlich in eine proustsche Stimmung versetze, wie weiland Pawlows Hund. Natürlich ist es schwieriger, über die "Anmutung" einer Buchgestaltung zu reden - dass es aber nicht unmöglich ist, beweist z.B. Christian Gutschis Beitrag zur Schriftwirkung. Es ist vielleicht notwendig daran zu erinnern, dass selbst Gutenberg nicht in erster Linie die Vervielfältigung seiner Schriften im Sinn hatte, sondern deren "Ordnung" und "Gleichmäßigkeit", die er als Erscheinungsweisen göttlicher Attribute verstand. Die hermeneutische Lesart - Folge theoretischer Reflexionen über ansprechende Bibellektüren - brachte es mit sich, dass diese Praxis bis auf wenige Ausnahmen (Graphologie, die Formexperimente der Dadaisten und Wiener Gruppe, etc.) in Vergessenheit geriet. Aus der Perspektive der Hermeneutik ist die materielle Erscheinung die Leiter zum "Sinn", die nach Erreichen überflüssig wird. Und selbst der Dekonstruktivismus betonte die mediale Grundlagen seiner Texttheorie nur marginal. Es war der "material turn" der Kulturwissenschaften, der das Augenmerk wieder auf die materiellen Ermöglichungsbedingung von Sprache richtete. Es ist zwar richtig, dass das Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sich prekär ausnimmt: Nur zu leicht verkommt Typographie zum Ausweis typographischer Könnerschaft und eine hermeneutische Lektüre zur Vernachlässigung textangemessener Darstellung.

Aber es gibt durchaus erfreuliche Gegenbeispiele: eine solches ist Jenna Gesses Diplomarbeit (!) Leerzeichen für Applaus, das 2010 im Schweizer Niggli-Verlag veröffentlicht wurde. Auch auf die Gefahr hin, Gesses leichtfüßiges Buch mit meinen Vorüberlegungen überfrachtet zu haben, lassen sich meines Erachtens anhand Leerzeichen für Applaus Beispiele finden, wie eine sensible Buchgestaltung einem Text zuarbeiten und umgekehrt ein Text auf die Gestaltung rückwirken kann.
Obwohl eine Diplomarbeit, hat die Autorin bereits Erfahrung im Bereich Buchgestaltung gesammelt. Sie arbeitet seit 2006 als Typographin und Buchgestalterin im Bielefelder Künstler- und Atelierhaus Artists Unlimited. Das Buch ist ebenfalls kein unbekanntes mehr: Es wurde mit dem Red Dot Junior Award und dem Lucky Strike Junior Designer Award 2010 ausgezeichnet.
Das eingangs angeführte Zitat und die Gattung "Diplomarbeit" machen es deutlich: Hier möchte jemand sein Können ausweisen und eine Positionierung seiner Rolle als Gestalter vornehmen. Dass man das diesem Buch aber kaum anmerkt, ist unbedingt als Gewinn zu verzeichnen.
Das beginnt schon damit, dass das Buch sehr unscheinbar daherkommt. Ein leichtgewichtiges Buch, auf dem auf grauem Umschlag in schwarzen Lettern der Buchtitel platziert wurde. Sehr schön der Vorderschnitt: Stellt man das Buch verkehrt ins Regal, leuchtet dem Betrachter eine hellgrüne Farbe entgegen - man hat aber nicht den Eindruck, dass es sich um ein überflüssiges Gimmick handelt, sondern um eine leichte Verschiebung, die sehr schön mit dem Grau des Umschlags harmoniert.
Auch auf den Seiten des Buches selbst wird Typographie nur da sprechend, wo ihm textlich entsprochen wird - Antwort und Gegenantwort, statt Überhang der einen oder anderen Seite. Trocken oder anstrengend wird die Lektüre daher nie, vielmehr wird einem die Verwendung typographischer Kniffe sofort einsichtig, zudem die Autorin sich auch nicht scheut, Persönliches in ihren Text einzubringen. Ein Beispiel:

  Diese Tren-
nung war zu-
viel für dich.
die dritte in Fol-
ge - sie brach dir
das Herz.

Oder wenn Gesse kinästhetisches Empfinden typographisch und gestalterisch wiederzugeben versucht, indem sie eine "Röhrenjeansbewegung" "nach vorne" simuliert und dazu den rechten Seitenrand etwa um einen Zentimeter kürzt - um das "Nach-Hinten-Schlagen" der unteren Hosenränder anschaulich wiederzugeben. Eine sehr einfache, sofort einsichtige Idee - auf die man erst einmal kommen muss. So auch das Bildgedicht "Dialog mit Kopfhörern", das gar ohne typographische Gestaltung auskommt:

(...)     ?

Der Hang zum Klamauk, zur ironischen Zuspitzung, verkommt selten zur flachen Pointe um ihrer selbst willen. Die Unterscheidung zwischen Typographie und Semantik löst sich auf, es kommt zu subtilen Verschwisterungen. So auch im nächsten Beispiel: Das Gedicht "Wie waren die Menschen denn früher lustig" beschreibt den Alptraum jeder/s KorrekturleserIn:

  Doppelpunkt Klammer zu

Dass Jenna Gesse an ein- zwei Stellen der Versuchung erlegen ist, semantische Doppeldeutigkeiten allzu offensichtlich auszulegen - so wird das Wort "Bezug" in "Dazu habe ich keinen Bezug" im nächsten Teil auf die Zweitbedeutung als "Bett-Bezug" angewendet - mindert das Lesevergnügen kaum. Gesses Buch ist leicht, frech und weiß um die Möglichkeiten einer guten Buchgestaltung. Das im Stil konkreter Poesie eines Jandl oder Rühm gehaltene Gedicht "Lang Kurz" greift das Thema der Verschränkung zwischen Design und Inhalt, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, wieder auf - ohne sie zuletzt für uns zu beantworten:

typographisch
korrekt
inhaltlich schwach
typografisch
korrekt
inhaltlich
schwach
typografich
korrekt
inhaltlich
schwach
typografisch
korrekt

Bezogen auf die Möglichkeiten von Buchgestaltung hat Leerzeichen für Applaus, trotz des geringen Alters der Autorin, etwas Abgeklärtes. Es ist sich der Formexperimente der literarischen Avantgarde bewusst, ohne mit ihnen hausieren zu gehen oder sie metaphysisch zu verklären. Verlage sollten sich "Leerezeichen für Applaus" genau durchlesen: Es könnte dabei helfen, einen Weg aus der faden Publikationspraxis von Großverlagen zu bahnen - abseits von der x-ten Besprechung von Gerhard Rühms Wort-Installationen oder Kurt Schwitterscher Typografie- Experimente. Die Leichtigkeit und die Unbeschwertheit von Gessners Text-Bildern beweisen, dass typographische Gestaltung nicht nur in avantgardistischen Sprachspielen, sondern in jeder literarischen Form zum Einsatz kommen kann - und dass auch Schriftsteller die Möglichkeiten eines guten Buchdesigns zumindest kennen sollten.



Leerzeichen für Applaus ist 2010 im Verlag Niggli erschienen.

Die angeführten Zitate können der Buchfassung nicht gerecht werden. Sie nehmen im Original eine ganze Buchseite ein und sollten, um ihre Wirkung zu entfalten, auch dort gelesen werden. Bezüglich dieses, wie auch des genuin typographischen Aspekts von Leerzeichen für Applaus verweise ich auf das Buch.
 
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