Max Höfler: wies is is. ein mondo cane machwerk.



von Gerald Lind

 
"der kleinen bleichen japanerin die seele aus dem leib fickten liebend gerne die kleine bleiche japanerin in dreifacher ausführung also dreifach erbarmungslos demütigten also sichtbare schmerzen zufügten und dann werden wir unsere kinder sicher nicht in einen öffentlichen kindergarten in eine öffentliche schule schicken" (41). "Shock cut" nannte Gualtiero Jacopetti das übergangslose Aneinanderreihen scheinbar disparater Szenen, wie er es in dem (Pseudo-)Dokumentarfilm "Mondo Cane" (1962) so exemplarisch wie exploitativ und genreprägend vorgeführt hat. Mondo, das heißt: Aufgeilen am (scheinbaren, inszenierten) Obszönen und Abartigen, Fleischbeschau und permanente Sexualisierung, physische Gewalt gegen Tier und Mensch, Blut und Alkohol, Degeneration, Grauen, Grusel, Tod. Das alles wird von einem — so stellt man sich ihn vor, die Stimme kommt aus dem Off — chauvinistischen Gentleman mit Anzug, Zigarette und Whiskeyglas lakonisch kommentiert. Die Perspektive von "Mondo Cane" ist dabei ebenso ironisierend wie herablassend. Mit prototypischem "western gaze" auf Menschen in Neuguinea, Malaysia, Hawaii oder Nepal wird das Exotische, Andere, Fremde konstruiert und primitiviert. Gleichzeitig werden via "shock cuts" Analogien zu mit quasi-ethnographischem Blick gefilmten westlichen Kulturphänomenen hergestellt.

Max Höfler nennt "wies is is" im Untertitel "ein mondo cane machwerk". Und tatsächlich lassen sich in seinem interpunktions-, absatz- und überschriftenlosen Text einige Parallelen zum Mondo-Genre finden: scharfe Schnitte (immer via "und dann"-Übergang), Episodenhaftigkeit, permanente Sexualisierung und Gewaltdarstellung, Relativierung von Gut-/Böse-/Falsch-/Richtig-Zuschreibungen. Höflers Text nimmt jedoch keine überlegene Distanz zum Geschehen ein. Es gibt keinen Kommentator, der native und/oder abendländische rites de passage und (andere) Triebregulatorien zu dem macht, was sie nicht sind, weil sein Enthüllungsgestus letztlich alles (kulturell formatierte Symbole, Handlungsmotivationen, Kontexte) verhüllt. In "wies is is" werden wir nicht mit manipulativen Erklärungshülsen gefüttert, sondern sind einem (alteritären und/oder identen) "wir" überlassen. Also zum Beispiel: "ein bisschen auf arme sau machte ein schnellschnellleider also der nicht einmal die leiseste ahnung davon hat was schmerzen wirkliche schmerzen überhaupt sind nicht eimal weiß wie man schmerzen überhaupt schreibt" (14). Oder: "während wir auf einer sonnenliege liegen liegen vollgefressen wie eine anakonda auf unserer liege wünschen wir uns also dass all die waffenstillstände endlich aufgehoben würden all die selbstauflösungen zurückgenommen würden die farc die raf die brigate rosse wieder auferstünden die pranke der black panther wieder zuschlüge subcommandante marcos einmarschierte in die hotelburgen" (70). Oder: "lassen uns dabei über die hässlichkeit der kinder aus die hässlichkeit der kinder die logischerweise also völlig eindeutig und logisch nachweisbar von den eltern kommen müsse denn schiach und schiach ergebe nun mal sehr schiach" (84).

Das Fehlen einer expliziten Erzählerfigur und der Rückgriff auf ein einschließendes/anonymes "wir" geht bei "wies is is" mit einer auf Zuspitzung, Übertreibung, Brachialität basierenden satirischen Erzählhaltung einher. Satire enthebt nun zwar einen Text klaren politischen Zuordnungen. Oder mit einem Satz von Karl Kraus über Nestroy gesagt: "Er war Satiriker; und damit war seine Stellung zur Politik ein für allemal gegeben." Aber trotzdem wählt Satire bestimmte Gegenstände und andere nicht, ironisiert das eine, lässt unkommentiert das andere. Bei Höfler hebt die Satire ab von dem als Kollektivstimme lesbaren (hörbaren, erfahrbaren) Kommentator in "Mondo cane". Dessen Chauvinismus, Rassismus, Sexismus, Sensationalismus, Zynismus wird via "wir"-Perspektive in potentiell jedem von "uns" lokalisiert. Das tut "wies is is" meist mit geradezu erfrischender Radikalität, bisweilen aber auch in leiseren, die Grenzen von Ironie und Empathie auflösenden Tönen: "wir ohne etwas entscheiden zu müssen hier fortgetragen würden uns also alles abgenommen alle entschlüsse also das gesamte lebenslenkrad abgenommen würde wir lediglich dazusitzen brauchten abzuwarten brauchten was kommt" (194).

In seiner vielfältigen Multiperspektivität hat "wies is is" panoramatischen, nahezu allumfassenden Charakter. Schade ist nur, dass sich der Autor mit seinem genuinen Schreibmilieu selbst so völlig ausgespart hat. Es wäre interessant gewesen, wie ein Literatur-, Musik-, Kunst- oder gar Avantgarde-Mondo-Cane-Machwerk ausgesehen hätte. Außerdem wäre so das stille Einvernehmen zwischen Autor und LeserInnen verunmöglicht worden. Denn "wies is is" wird zwar sein Publikum bisweilen ein wenig erschrecken, aber nur was seine Denk- und Lebensweisen außerhalb des literarischen Feldes betrifft. Der gemeinsame Ort von Autor und Publikum jedoch bleibt von Höflers Mondo-Satire unangetastet. Gelacht wird zuletzt dann doch vor allem über die anderen, nicht in subkulturellen Avantgarde-Kontexten, sondern in alltagskulturellen Massen-Kontexten Be-/Gefangenen.

Ungeachtet dieses "blinden Flecks" ist "wies is is" ein äußerst gelungener Text, der mit seiner Unvermitteltheit, sprachlichen Finesse und Rhythmizität von Beginn weg überzeugt: "und dann fällt uns da ein gaul um vor unserem hauptquartier ein dürrer gaul um streckt uns da ein gaul die hufe zuckt da mit den hufen bis die hufe zum zucken aufhören der besitzer mit der peitsche in der hand seinen verlust beweint wir also nichts anderes nichts besseres tun können als den notstand auszurufen" (5). Natürlich, die Episodenhaftigkeit des von Höfler dekonstruktivistisch fortgeschriebenen Mondo-Genres zwingt nicht zum Weiterlesen. Spannungsbögen und Identifikationsfiguren fehlen. Aber das ist bei unkonventionellen Schreibformen jenseits des literarischen Mainstreams eher Regel als Ausnahme. Das für "wies is is" in Frage kommende Lesepublikum wird also nicht an narrativen Entzugserscheinungen leiden. Außerdem ist die Ästhetik der variierten Wiederholung jedem/r spätmodernen TV-DurchzapperIn und Online-DurchklickerIn zur medialen Zweitnatur geworden. Und schließlich liegt gerade in der die Episoden ebenso sehr verbindenden wie trennenden Montage-Technik der besondere Reiz von "wies is is".

Die "shock cuts" im originalen Mondo-Cane-Film sollten über die unmittelbare Konfrontation scheinbar disparater Phänomene vermeintliche Ähnlichkeiten aufzeigen. Höfler hat nicht so kühl kompiliert/komponiert, seine "und dann"-Schnitte öffnen deutlich mehrdeutigere Räume. Wenn es dabei ein Kalkül gibt, dann eines des ES, das aus dem kollektiven Unbewussten ein Bild nach dem anderen zieht, es kurz betrachtet und dann wieder fallen lässt. Die Reihenfolge der Szenen scheint auf einem mit massenmedialen und (alltags)kulturellen Bildern, Situationen, Typen gefütterten Zufallsgenerator zu basieren. Der so entstehende Chor des kollektiven ("wir") Unbewussten macht das Latente, Subliminale, Subkutane explizit. Es ist die besondere Leistung Max Höflers, dass es ihm gelungen ist, ein solch komplexes literarisch-epistemologisches Programm nicht mit Verbissenheit und Todesernst, sondern satirisch auszuführen. So macht Erkenntnisgewinn Spaß.




Max Höfler: wies is is. ein mondo cane machwerk. Klagenfurt: Ritter 2014.









 
 
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