Sophie Reyer: Die gezirpte Zeit



Auf dem hinteren Umschlag des Bändchens ist ein Gedicht gedruckt, das ich ausgewählt hätte ‹mut› in dem steckt ein Programm, rein sprachlich zunächst allein durch aufgelöste Wortverbindungen, aber auch solche, die's noch gar nicht gibt, denn ‹flatter programme› müssten zu Flatterprogrammen erst noch werden, aber ‹neben | wirkungen› gibts als Nebenwirkungen schon. Nur kommt da ein Zweifel ob nicht die beiden Worte, durch den Zeilenbruch ‹ | ›, endgültig und entschlossen getrennt sind, sich also eben nicht mehr verschmelzen? ‹wirkungen unbekannt› eine Zeile, da-neben, nach ‹flatter programme› was auch eine Aufzählung sein könnte, so komma es da auch steht, vor ‹neben› und dieser ‹rutschgefahr› ganz ungetrennt und fröhlich eins. Da sind wir schon ausgerutscht, mit dem ‹witschen› das heißt genau, was es heißt, witsch! aber sonst hieße es gar nichts. So flattert das Gedicht, mit ihm, da rückseitig, auch das Bändchen, seinem Sinn gelassen nach, nicht eindeutig oder in einer Richtung, eben ‹wahlweise› anbietend, was Sophie Reyer sich hütet, Programm zu nennen, nein ‹programme› kommen vor aber, sie beobachtet, trägt nichts vor sich her ‹lässt sich am leben› ebenso ihr Gedicht. Programm, wenn, sind die ersten zwei Zeilen: dieses ‹wer will.› Wer hat Mut? ‹wer will.› Alles ganz musikalisch also sprechbar, das sagt schon der Titel, auf dem vorderen Umschlag, der verstohlen erst- und letztzeilig in einem Gedicht im Inneren (Seite 44, aber das nur nebenbei) auftaucht, also ‹die gezirpte zeit› nun, im Zirpen steckt Musik, aber auch ein Anklang von Grillen, die aber sind Nahrung, werden aufgevögelt oder frischgespießt. Die ‹zeit› wäre also Nahrung als ‹kindheit› zum Beispiel ‹oder› ‹verdursten› ‹erinnerung› ‹wie› so lauten einschlägig-denkwürdige Titel von Gedichten, von hinten nach vorn verstreut und vorzuschlagen für eine Liste vor allem zu beachtender. Die ‹kindheit› eine ‹zeit› zirpender oder schlängelnder Atzung in aufgesperrte Schnäbel, eine um das zukünftige unabsehbare besorgte ‹zeit› auf die eine Liebeszeit oder Zeit der ‹körperlichkeit› folgt ‹luftschlösser bauen gegen die | körperlichkeit› (‹metamorphose›) eine Liebeszeit, die bruchlos oder fest an die Zeit der Atzung geschmiegt ist. Das ist freilich eine Vermutung, begründet in ‹tropfenpalaver› ‹momentchen› ‹ohnmacht› und oh, auch ‹ablenkungen› aber in Klammern (über einer davon steht ‹versprechen› ach, das bringt mich vom Gedicht weit ab, warum heißt es da auch kannst mich anschnallen / aufsaugen / abschlecken bitte) zurück zur Sache
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zwischen himmel und
horizont gefugt: horch das
faltige wort
das eine ‹wort› das ‹faltige› groß mütterliche (großväterliche) das erwischt einen. Es passiert ein ‹witschen› bloß dadurch das ‹horch› ist gerechtfertigt. ‹du hast | die vogel perspektive wieder | gefunden› ja, darum geht es hier, ums ‹märchen› um das Gedichtete, das mit dem ‹anschnallen› ‹aufsaugen› ‹abschlecken› auch das Lose mit hereinnehmen darf, warum nicht, es wirkt ja, verführerisch, kommt auch kaum sonst vor, aber gemerkt hab ich ‹es› schon. Dieses Zirpen ist einfach da ‹es stundet gegen die zeit an.› In diesem Sinn lässt ‹mut› sich dann verstehen als ein Handeln eine Tat als fortgesetzte ‹ablenkung› nämlich ‹es rieselt verliebtheit› ‹regen tropfen gefühle› ja, warum denn nicht? wenn wir doch ‹sehnsüchte am geschlecht umhertragen als wär | nichts.› Als ginge alles ganz einfach.

G.H.H.



Sophie Reyers Gedichtband die gezirpte Zeit erschien 2013 im Berger Verlag, Horn (Reihe = Neue Lyrik aus Österreich 2), 64 Seiten, € 16,50.
 
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