(zitronen der macht)
Verena Stauffer



von G.H.H.

 
Ich bin eine Frau — so lautet die letzte Zeile dieses ersten Gedichtbandes von Verena Stauffer. Einsamkeit scharfer Schmerzen Stille — so fängt das erste Gedicht darin an, unter einer Überschrift (Hervorbringen), die unter anderem auf den Körper der Frau verweist, aber auch als Metapher für das Schreiben gelten kann. Die Gedichte des Bandes sind also erstens nicht beliebig, sondern ringförmig angeordnet, zweitens aber, weil jedes Glied dieses Rings genau überlegt ist, gibt es kein bloß beiläufiges, kein Füllsel, nichts wirklich Überflüssiges — jedes Gedicht ist mindestens brauchbar, manches ist stolz vorzeigbar, einzelne Gedichte entziehen sich jeder Veränderung durch den Leser. Weiterentwickeln könnte sie nur, wer sie schrieb.
Das ist schon erstaunlich. Denn was wäre von einem ersten Gedichtband zu erwarten? Überflüssiges. Abgelesenes. Unvollendetes, das sich poetisch gibt und Wirklichkeitsnähe behauptet, weil die richtigen Stichworte vorkommen, schnell vergängliche Aufregungen formal bewältigt, aber unerlebt nicht durchdrungen werden — ich mag die Namen nicht nennen, die mir da auf der Zunge liegen, außerhalb des Literaturliteratur- oder Poesiepoesie-Diskurses spielen sie keine Rolle. Oft ist nämlich das Dichten bloß noch Mittel der Statusbestimmung und existentielle Prothese für einen nicht erworbenen Pensionsanspruch. Gedichte sind die fakes der Hochkultur. Ich bin eine Dichterin — das sagt Verena Stauffer eben nicht. Dass sie es nicht sagt, hat seine eigene Bedeutung in einem Augenblick nicht der Krise der Produktion von Gedichten, sondern ihrer subventionsgesteuerten Überproduktion.
Auch wenn Tarnung in ihnen eine große Rolle spielt, erscheint in diesen Gedichten doch eine entschieden handelnde Person. Alliteration und Assoziation, Wiederholung und Ringbildung von Bildern sind Mittel, die sie immer wieder einsetzt. Immer sind die Bilder stärker als die eingestreuten, bloß beiläufig in den Mund genommenen, gutwillig geschluckten Begriffe und Namen aus dem philosophisch-politischen Echoraum der Gegenwart. Deren Unschärfe verdeutlicht am irritierendsten ein Gedicht, das dem Band den Titel gibt (zitronen der macht) und das Englische und Deutsche so mischt, als sei das Englische eigentlich ein österreichischer Dialekt (das sage ich jetzt, weil Verena Stauffer im Dialekt ihrer Herkunftsgegend völlig frei und vollendet schreiben kann, eine Tatsache, die sie auch und in einer für die Leserinnen dieses Bandes vermutlich überraschenden Weise auszeichnet).
Gut die Hälfte der Gedichte in (zitronen der macht) betrachte ich als geordnetes Sprachmaterial, als Herbarium von Gefundenem, das in einen ersten Zusammenhang gebracht ist, aus dem sich weiteres notwendig ergeben kann. Dieses Sprachmaterial steht ihr also zur Verfügung, denke ich zustimmend, das ist also der Humus, in dem schon keimt, was Verena Stauffer noch schreiben wird. Gut, dass sie sorgsam mit diesem Humus umgeht, ihn in Säckchen oder Schachteln sortiert und damit steuert, was aus ihm wachsen kann.

Entgegen einer mittlerweile kanonischen Gewohnheit sind Verena Stauffers Gedichte porös, verleugnen sie nicht die Fremdheit der Person, auf die sie sich beziehen. Ihre Oberfläche ist nicht glatt, sondern fransig oder ganz locker, durchlässig oder löcherig gestrickt oder aus Flecken genäht, die eben auf dem Tisch herumlagen und ins Patchwork eingearbeitet werden mussten, weil das die Spielregel war — nichts verkommen lassen, sparsam sein. Kein Gedicht ist länger, als es höchstens die Aufmerksamkeit derjenigen binden kann, die schreibt oder liest. Zeit darf nicht verschwendet werden, aber ihr Verbrauch wird vollständig und mit einer Lust ausgekostet, die keine Nachsicht kennt. Das gibt immerhin Aufschluss darüber, dass, wer da schreibt, im Schreiben selbst einen Genuss verwirklicht, der sonst der Leserin überlassen bleibt.
Natürlich bildet die Schreibende sich nicht unmittelbar in jeder Aussage ab, mit der sie den Schatten vermisst, den eigenes Erleben und eigenes Träumen und eigenes Treiben auf eine vorgeblich geordnete Wirklichkeit warfen. Aber es wäre sinnlos, diese Gedichte nicht immer auf einen bestimmten Körper zu beziehen, auf bestimmte Erfahrungen, von denen sie sich entfernen, ohne sie zu verformen. Erfahrungen, das können auch fremde, nicht abgewehrte oder schon verinnerlichte Haltungen und Erwartungen sein, in die der eigene Körper sich einmal kleidete oder erst noch einkleiden wird. Das Ich der Schreibenden ist darin stets gegenwärtig, wie der Schmetterling, den sie, ebenso wie ihre Leserin, im Netz des Gedichts zu fangen sucht. Verformt ist nur der Schatten, nicht aber das, was ihn wirft. In diesem Sinne ist das Gedicht immer ein Stück Vergangenheit oder manchmal auch Zukunft, nie Gegenwart.
Natürlich kann die Schreibende der zudringlichen Frage, wer das Ich ihrer Gedichte sei, nur ausweichend antworten. Aber das Ich ihrer Gedichte ankert am Eigenen so fest, wie eben ein Schatten von dem Körper nicht getrennt werden kann, der ihn wirft. Nein — bei den (zitronen der macht) geht es um Früchte, die in Reichweite hängen, zu denen die Hand sich aber nur zögernd ausstreckt, weil der Mund nicht hineinbeißen will, um dann doch beherzt zu ergreifen, was im letzten Gedicht des Bandes der ganze Garten heißt. Der germanistische Verlegenheits- und Schambegriff vom lyrischen Ich hat hier nichts verloren. Immer war er bloß eine Schutzbehauptung, die nur zutraf, wenn das Gedicht ganz ausdrücklich dramatisches Fragment und Rollenspiel war.
Ich bin die Mutter, die alle hervorbringt / Ich bin die Geliebte, die alles in den Mund nimmt — das enthält alle möglichen Bilder. Aber was auch gemeint sein kann, so sehr anderes in Reichweite liegt, hoffentlich, das ist der Apfel, den Eva zuerst in den Mund nimmt, ehe sie sich Adams Geschlecht zuwendet — dem ganzen Garten — was soll ganz sein, wenn nicht das Paradies? Zum Garten aber gehört die Vertreibung, das Ganze nimmt die Frau als bloße Erinnerung daran mit. Der Mann auch? Er kommt nicht vor. Aber was eine Frau ist, bleibt unaufgelöst. Darin kommt der Mann doch vor. In der eindringlichen Unmöglichkeit festzuhalten, wie das Ich der Frau beschaffen ist, in der Klage. Ich bin eine Frau — alles ordnet sich um die Unmöglichkeit auszusprechen, was das eigentlich bedeutet.
Ich bin eine Frau — eigentlich ist das so unbelegt und in der Schriftform des Gedichts ganz unbelegbar, denn diese Zeile verlangt nach der lebendigen Liebkosung, der Durchdringung von Körpern, die ein anderes Gedicht flüchtig einfängt. Im Gras, mit dir, du in mir, im Gras — natürlich gibt es Klischees in diesen Gedichten. Klischees, heißt es, können nur schaden. Stimmt aber nicht! Denn Klischees verhindern, dass die Leserin sich der Wirkung des Gedichts verweigert. Ihre Steigerung bewirkt, dass die Bilder als Klischees nicht zur Ruhe kommen, zum Kitsch erstarren, sondern sich weiterentwickeln. Ich, sagt Verena Stauffer, bin alles, was mich umgibt, bin Anfang und Ende der Welt — der Anfang der Welt, ja, Courbet! Aber eben auch das Ende — beiläufig gesagt, trifft das auf jeden Einzelnen von uns zu, auf Frauen und Männer, nur vielleicht mit unterschiedlicher Gewichtung? Diese Zeile bezeichnet in Wirklichkeit eine androgyne Erfahrung.

Eine ganze Reihe von Gedichten zeigen, wie sehr Verena Stauffer serielle Strukturen schätzt. Ihre Bedeutung verändert sich sprunghaft, aber die einzelnen Zeilen behalten immer den gleichen Sinn. In (manet) hat das eine bolerojäckchenhafte Durchsichtigkeit zur Folge (eigentlich wollte ich sagen, eine Ravels Bolero vergleichbare Wirkung, wenn sie das Gedicht selber liest, aber dann gefiel mir das Bolerojäckchen besser). Manchmal, nur manchmal zeigt sich die Membran, die den eigenen Körper mit dem eingefangenen Schatten verbindet, als (eisepidermis) oder transparentes Häutchen aus Kälte, das die Nacktheit des Schreibens eigenartig verhüllt —

wie weh das tut
das sein
wie langsam es vergeht
das warten


— eben, ja, sein und warten und wehtun und vergehen gehören verkreuzt! Immer wieder also Gedanken und Unschärfen, die einleuchten, aus denen ein Ich hervorblickt, das glaubwürdig ist. Gras wächst darüber. (Unterm Gras lebt es weiter, unter dem Wurzelwerk des Gedichts. Gras wird zu Wolle wird zu Pullovern wird zum Anlass, sie auszuziehen. Ein Kreislauf.) Oder:

Meine Brüste zittern beim Denken
Ich denke an zartgrünen Zucker


— das ganze Gedicht ist eine Synthese exotisch-alliterativer Bilder, ganz frech und nur in diesem Sinn politisch, als es sich auf den eigenen Körper, auf den der Frau bezieht, nichts verschleiert. Ganz erotisch, ohne erkennbare Scham. Darauf kommt es an.




Verena Stauffer: (zitronen der macht). Gedichte. Wien: hochroth, 2014. ISBN 978-3-902871-57-2 (broschiert, 8 Euro).









 
 
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