"Belgrad der Wundherd"

Erwin Uhrmanns Roman Der lange Nachkrieg versucht dem Phänomen der Erinnerung auf die Spur zu kommen.
von Alexander Sprung


Von der Erinnerung an ein Trauma gilt, dass sie einen unübersetzbaren Kern enthält, der das Trauma selbst perpetuiert. Ein Riss im symbolischen Universum, der Einbruch eines Realen, der sich in keinem Medium wiedergeben lässt. Es ist keine Floskel, wenn das traumatische Ereignis "sprachlos" macht - der Choc des Ereignisses resultiert aus dem gewaltsamen Einbruch einer nicht mehr zu mediatisierenden Katastrophe. Es handelt sich also um das Unsichtbare schlechthin, mit all seinen quälenden Heimsuchungen und diffusen Schreckensbildern.
Diese Unübersetzbarkeit ist nicht nur ein Problem für das Individuum, sondern auch für die Erinnerungspraxis einer Nation. Welche Narrationen sollen traumatische Kriegserfahrungen erklär- und deutbar machen? Welche narrativen Strategien in welchen Medien - Film, Literatur, bildende Kunst - ermöglichen die Vermittlung dieser Erfahrungen an spätere Generationen? Drängender, weil unmittelbare stellt sich dieses Problem natürlich schon viel früher - auf der Ebene des traumatisierten Individuums.
In Erwin Uhrmanns Der lange Nachkrieg schreibt der Serbe Nenad Briefe an den Protagonisten Hector um die Hintergründe des Nachkriegs- Zustandes Belgrads zu beschreiben. Aber die Briefe brechen ab, bevor Erklärungen einsetzen können: "es bräuchte dazu eine Maschine, die in einem schnelleren Takt übersetzt, denn was er dachte, nahm mehrere Schichten an, überlagerte sich, vielleicht wie ein polyphones Musikstück und komplex wie Zwölftonmusik." (88)
Hector, der Protagonist und derjenige, an den der Brief gerichtet ist, ist ein arbeitsloser, ziel- und planloser junger Mann, der soeben aus der Universität ins Berufsleben entlassen wurde. Gemeinsam mit Nenad besucht er in Belgrad einen Friedhof und fotografiert serbische Kriegsverbrecher sowie ermordete Reformpolitiker. Auf dem Friedhof tanzen Arkan, Zoran Djindjic und Hectors Großtante Helene einen makabren Totentanz. Die letzte im Bunde, Helene, ist die große Leerstelle dieses Romans, eine | entfernte Großtante Hectors, die vor einigen Jahren in einem Spital in Triest gestorben ist und von der Hector vermutet, dass sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist - eine Art "Schwarze Witwe" mit Namen "Irmtraud" soll auch sie, neben zahlreichen anderen, vergiftet haben. So vermutet zumindest Hector.
Es ist eine der Schlüsselstellen des Romans: die serbische Nachkriegsvergangenheit und die individuelle Vergangenheit des Erinnerungssuchers Hector bilden keine zwei getrennten Ebenen, vielmehr bleibt sehr viel unentscheidbar und verworren. Hinzu kommt, dass der Erinnerungsvorgang mehr einer Heimsuchung gleicht: "Kann es mir nicht aussuchen, dass ich Helene verfallen bin. Ich habe sie herbeiassoziiert, sie ist eine Verdickung im rhizomatischen Netz, in der ich stecke. Sie ist so etwas wie meine Wurzel." (133)
Diese assoziativen Bündel an "Verdickungen" materialisieren sich als Gespenster seiner traumatischen Vergangenheit mit den grotesken Namen Mechadrohkuks und Twigutschatka. Sie sind Erinnerungs"figuren" per se: In ihnen drückt sich das Unaussprechliche und Unverarbeitete seiner Vergangenheit aus: In Mechadrohkuks verdichten sich Erinnerungen an den Ehemann Helenes, Emil, und Ludwig, dem Vergewaltiger seiner Jugendjahre und in Twigutschatka Helene und die Krankenschwester Irmtraud zu ihn verfolgenden Quälgeistern.
Der Verdienst Uhrmanns ist es, dass er weiß, dass es ein Merkmal des Grotesken wie der Erinnerung ist, dass in ihnen zeitlich und räumlich Unvereinbares zusammenkommen: So wird an den Quälgeister in personifizierter Form vorgeführt, aus welche a-logischen Operationen sich eine persönliche Erinnerung zusammensetzt, die nicht mehr auf "authentisches" Erleben zurückzuführen ist, sondern sich vor allem der symbolischen Ebene "bedient" und von dort her seine Energien bekommt. Nur ein Beispiel: Aus der Erinnerung an den Frauennamen "Tereschkowa", welcher wiederum an Emil erinnert, der ihm in Kinderjahren ein Foto von ihr gezeigt hat, und in der auch die Krankenschwester Irmtraud eingeht, entsteht syntagmatisch der Name "Twigutschatka", der wiederum sexuell aufgeladen ist, weil er sich mit einer anderen Erinnerung, nämlich der an einen Missbrauch durch eine Klosterschwester im Internat verbindet usw. Ein wahrlich "rhizomatisches Netz", in dem die Erinnerung unauflöslich gefangen bleibt. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich gerade Helenes ungeklärte Todesursache zu seinem Lebensthema wählt, von dessen Aufklärung er sich einer Erkenntnis auch ├╝ber seine Situation erhofft. | Die Aktualität von Uhrmanns Roman gründet in der Verschränkung zwischen individuellem und kollektivem Gedächtnis. Denn neben Hectors traumatischer Internatserfahrung - man denke an die jüngsten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche! - ist auch, wie schon angedeutet, die fehlende Aufarbeitung des Jugoslawien-Krieges Thema das Romans. Beiden Erinnerungsmodi ist eine Verlangsamung, Stockung, Stauung eigen, die im Roman mit den Wortfeldern "Hitze", "Schwere", "Nebel" bezeichnet werden und eine daraus resultierende Trübung und Verwirrung, die exemplarisch im Abbruch von Nenads Briefen und Hectors scheiternder Erinnerungsarbeit dargestellt werden.
Die Sprache drückt diese Überblendungen zwischen Erinnerung und Fiktion in einem teilweise expressionistischem Furor in Katachresen und Synästhesien aus. Da liegt ein "Krimiton als Tiefnebel" im Stockwerk (9), ein anderer Ton klingt wie ein "angeschwollener Fuß". (22) Hier gibt es "fiebrige Hirne" (9), klettert in einem Traum ein Mitschüler wie eine "Ameise" die Wand zu seinem Schlafzimmer hoch (24) und schwimmt in den Augen die Wut "wie heißes Fett." Immer wieder wird der nackte, zerstückelte und obszöne Körper beschrieben, finden Metamorphosen statt: Die Zähne Hectors werden so auf einmal "spitz und hart" (158) und in einem rabelaischen Traum stopft sich ein dicker Mann Darmstränge von gesunden Opfern in den Darm, denen man den Bauch aufgeschlitzt hat. Die traumatischen Erfahrungen des Krieges werden in Körpermetaphern beschrieben: "Ein Brocken aufgehackten Fleisches, das da unten in Europa vor sich hin stank. Das Kosovo, Bosnien, die unter ihren Leichentüchern Schimmelpilze ansetzen. Belgrad der Wundherd." (167)
Neben dieser überzeugenden Frage nach dem Wesen der Erinnerung übernimmt sich der Roman leider ein wenig in seiner Gesellschaftskritik. Denn die Verbindung zwischen einem posttraumatischen Protagonisten oder einer posttraumatischen Gesellschaft und der Beliebigkeit einer "Postmoderne" ist schwer nachzuvollziehen. Es reihen sich Platitüden an Platitüden: es gehe nur mehr darum "Begriffe zu entwerfen und zu prägen", das Leben sei zu einem "Lifestyle" verkommen usw. (73) "Irgendwo", reflektiert Hektor weiter, habe der Zettel "etwas Wahres", und trotzdem sei er nur "gefärbt" (!) von dem, "was man von sich gibt, um intelligent zu wirken." (73) So wirkt die Kritik an einer "postmodernen" Gesellschaft ein wenig wie ein Fremdkörper in einem sonst sehr homogenen und ge- | schlossenen Roman. Man muss dem Autor zugute halten, dass er die Kritik erzählerisch relativiert: Ein "theoretischer Kauderwelsch", so Hector, sei das, was er auf einen "Zettel" mit dem Titel "Warum ich Moralist bin" geschrieben hat. (71)
Ein weiterer Schwachpunkt sind einige sprachliche Unsicherheiten: Es müsste wohl eher "Irgendwie" heißen und ein Zettel kann beim Überwiegen von "Kauderwelsch" wohl eher nur von der "Wahrheit" gefärbt sein. Solche sprachlichen Schnitzer finden sich leider an einigen Stellen, besonders ärgerlich auf den ersten Seiten. Es hätte dem Buch gut getan, wenn ein Lektor noch einmal genauer über das Manuskript drüber gegangen wäre. So ist es schade, dass dieser avancierte Roman unter einigen sprachlichen Unsicherheiten leiden muss. Abgesehen von diesen Schwachpunkten reiht sich Der lange Nachkrieg souverän in eine Liste von jüngst erschienen Romanen zur Erinnerungsarbeit ein. Es sei in diesem Zusammenhang noch auf Anna Kims hochreflexiven und klugen Roman Die gefrorene Zeit verwiesen. Auf weitere Arbeiten Uhrmanns darf man gespannt sein - die Schonungslosigkeit und Expressivität des langen Nachkriegs hebt sich wohltuend von moralischen Tendenzschriften zB einer Iris Hanika ab, die in ihrem jük;ngsten Roman Das Eigentliche die Institutionalisierung des kollektiven Gedenkens an den Holocaust beklagt und dabei über eine simple Moralpredigt nicht hinauskommt.
Der Krieg sei "die glücklichste Zeit meines Lebens" gewesen, meinte Ilse Aichinger gegenüber Iris Radisch einmal in einem Interview. Dass die Hoffnung und das Vertrauen in seine Mitmenschen mit dem Krieg zu Ende gewesen seien, illustrierte sie in den Subtexten mit einem Beispiel: "Gestatten!", sagte unlängst eine Frau, die hinter mir gestanden war, gab mir einen leichten Stoß, stieg in die Straßenbahn, und die Tür schloß sich." Ilse Aichinger erinnert sich anschließend an den Anblick ihrer Großmutter in einem offenen Viehwagen, bereit zum Abtransport in ein Vernichtungslager. "Damals sagte niemand 'Gestatten!', aber man kann sich vorstellen, dass es 'bei uns' wie man hier gerne sagt, auch heute wieder möglich wäre, Brutalitäten jeder Art ein solches Wort voranzustellen." Die Frage nach der Art kollektiven und individuellen Erinnerns wird immer wieder neu zu stellen sein, auch und vor allem in der Literatur.



Der lange Nachkrieg ist 2010 im Limbus Verlag erschienen. Die Seitenangaben in Klammer beziehen sich auf diese Ausgabe.
 
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