Wo die Namen noch stimmen: Gedanken zu Andreas Unterweger: "Das Gelbe Buch"

von Bernadette M. Schiefer


Fische sind stumm...,
meinte man einmal. Wer weiß?
Aber ist nicht am Ende ein Ort,
wo man das, was der Fische
Sprache wäre, ohne sie spricht?
Rainer M. Rilke, Sonette an Orpheus, Sonett 20 B


Dass die Sprache ein seltsames Land ist, wie Wörter riechen und wie aus ein paar Radieschen ein Paradieschen wird, erfährt man in Andreas Unterwegers eben erschienenem Buch "Das gelbe Buch". In seinem poetischen Sehnsuchts-Idyll sind Katzen Rosen und Tannen Riesen. Wasser macht müde, deswegen sind Fische auch stumm. Sterne verstecken sich unter der Wolkendecke, weil sie ebenfalls Angst vor der Dunkelheit haben. Tomatensauce schmeckt furchtbar, dafür ist Paradeissauce das Lieblingsgericht der Buben.
Im gelben Haus, umgeben von "morgensonnengelben" Feldern, im Haus mit der Riesen-Tanne und den Tomaten- und Thymiansträuchern im Garten, leben sie gemeinsam mit ihrem allwissenden, gütigen Großvater. Dieser gräbt Beete um, zupft Unkraut, trinkt ein Gläschen Wein und empfängt abends geheimnisvollen Besuch. Einer der Buben, Biber, badet im Fluss, schwimmt dabei "elegant wie ein Nilpferd" und denkt über den Zusammenhang zwischen Fluss und Sommer nach. Denn Leben ist, wenn Sommer ist und man im Fluss baden kann. Demnach gäbe es eigentlich auch nur zwei Jahreszeiten, Sommer und Nicht-Sommer.
Als Nachbarn, die Türmchenfamilie, in das Haus mit dem rosafarbenen Turm ziehen, verliebt sich Biber in das Turmmädchen, die eigentlich zwei sind, ein "liebes" und ein "garstiges" Mädchen, obwohl beide nie gleichzeitig anwesend sind. Mit dem "lieben" Mädchen vergeht die Zeit viel zu schnell, während die Zeit mit dem "garstigen" Mädchen nie enden will. Überhaupt hat die Zeit ihren eigenen Willen. 13einhalb Jahre, rechnet Biber an einem Regentag aus, würde man — bei einem Gläschen Rotwein pro Tag — an einem Floß aus puren Weinkorken bauen. Damit das Modellfloß schneller fertig wird, leert er gleich die ganze Flasche. Das Modellfloß ist fertig, das Turmmädchen begeistert. Nur Biber wankt wie eine Tanne im Wind.
Die Welt, die Andreas Unterweger in seinem "Gelben Buch" entwirft, ist eine Welt aus Traum und Sehnsucht. Nach zwei kommt zwölf und danach acht, man trauert um einen erzählverschluckten Marienkäfer, sucht Väterchen Frosts Wolkenkogge und lässt, anstatt wie die ordentliche Türmchenfamilie den Rasen perfekt zu trimmen, die Katze kreisen. Der Nikolaus sieht dem Großvater ähnlich, obwohl der andere Nikolau, dem Nachbarn und nicht seinem Namensvetter ähnlich sieht. Subjektive Zeit, Zeit und Zahlenspiele: Andreas Unterweger beeindruckt in seinen verknappten, poetischen, sprachverspielten Texten mit einer schier unerschöpflichen Phantasie: Jeden Augenblick staunt man neu ├╝ber die Welt und ihr buntes Durcheinander aus gelben Häusern und Feldern, gelben Blättern und gelben Postbussen. So ist das "Gelbe Buch" selbst Abbild und Synonym des Traumentwurfs "Hoboken" (einem Lied Bob Dylans entnommen): ein Dorf, wo der Fleischer noch Fleischer ist und "die Namen noch stimmen". Dort, wo alles Erfüllung ist oder einfach nur Ausgangspunkt für einen kurzen Ausflug ins Glück, wenngleich Schiffe und Meer fehlen. Hier zählt nur die Unschuld einer erlebten Welt, in der es Zeit für alles gibt. Eine Zeit zum Pflanzen und eine "zum Ernten der Pflanzen". Und dass diese Unschuld auch den Rahmen webt für ein Glück: So wird die großzügige Katze, die ihr abendliches Festmahl mit dem gefräßigen Igel teilt, gelobt für ihre Selbstlosigkeit und zum Vorbild. "Das Gelbe Buch" ist ein nachdenkliches und tief philosophisches Buch. Und ein sehr leises Buch, das mitunter wehmütig macht, erinnert man sich selbst gern an diese frühe Leichtigkeit. Mag seine Stimme auch leise sein und im Literaturorkan der Selbstreferenzen und Bedeutsamkeiten ein wenig untergehen, möchte man ihm doch viele LeserInnen wünschen, die sich an Unterwegers Sprachkunst und liebevoll-ironischem Blick erfreuen und — was vielleicht wichtiger ist — verzaubern lassen wollen.


Andreas Unterwegers Das Gelbe Buch erschien 2015 im Literaturverlag Droschl.
 
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