bisweilen windgezwirbelt
libellenleicht flatternd im Zwielicht


von Astrid Nischkauer

  verschilft tröpfeln echos
sacht nachtwärts dann


In himmelhalb, dem dritten Gedichtband von Monika Vasik geht es um Natur, um verdichtete Natur. Die Gedichte führen nicht querfeldein, sondern feldeinwärts, "durchs gesträuch durchs gestr¨pp" und "vorbei weg aufwärts", oder fliegen auch manchmal..
  aus der rechten
bahn hoch hinaus
in den fledermaushimmel


"Wahrheitsgemäß gestehe ich, ich habe es getan, ich tue es, werde es wahrscheinlich wieder tun: Natur verdichten. Lyrik? Natur? — Oh, Gott! Ich weiß, dass es Existenzielleres gibt: Den Krieg in der Ukraine, die IS-Mordtruppen, Wirtschaftskonflikte. Und ich mache auch das eine oder andere Gedicht dazu. Aber mit Blick auf mein erstes Buch, nah.auf.stellung, weiß ich, ich muss nicht mehr. Ich hab schon politische Gedichte publiziert. Das befreit. Jetzt kann ich mich anderen Themen zuwenden, mit einer Sprache, die weniger klar und weniger explizit, weniger unmissverständlich sein darf, als jene für das Minenfeld des politischen Gedichts."
[Literarisches Selbstgespräch, Von und mit Monika Vasik, fixpoetry.com]


  verzeckt und zugegelst
Natur ist nicht gleich Natur, das wird einem in den Gedichten von Monika Vasik immer wieder in Erinnerung gerufen. Da gibt es einmal den Garten, einen sehr widerspenstigen Garten, in dem die Erdbeeren über Nacht jäh verwildern. Der Blick auf den Garten ist kein verträumt schwärmerischer, sondern einer, der die Schneise, die der ungestüme Maulwurf durch die Eissalatreihe zog, ebenso sieht, wie die anstehende Gartenarbeit:
  mein blick rumpelt über den garten

Dann gibt es die Natur gleich ums Eck, die Natur des Städters, wie die Baumallee beim Laufen. Und die Natur in der Ferne. Sehnsuchtsorte, die in den Gedichten gesucht werden um Ruhe zu finden, sind das Gebirge und Wasser.
  unter dem taumel der
insekten unverwundbar
leuchtet das wasser splittrig

Angst vor unreflektierter Naturidylle braucht man bei einer Autorin wie Monika Vasik aber keine zu haben:
  nur keine landidylle sag ich flügel
schlagend nein landidyllen nie wo gestank

Die Naturbeschreibungen von Monika Vasik sind keinesfalls kitschig, gelegentlich eher humorvoll ernüchternd, sieht man sich beispielsweise einem verbeulten Mond gegenüber:
  nachts um halb vier schlafloses
wetterleuchten der monder
leicht verbeult dort drüben

Und sollte die Almlandschaft einmal doch drohen, allzu malerisch zu werden, so hilft ein schneller Themenwechsel auf die Methangasproduktion der Kühe:
  gemessenen schritts die
kühe an einem langen faden
wie perlen an ihrer schnur
querhangein in der späteren sonne
dampfen zeitlos ihre leiber
teilen übers gras gebeugt
den mangel an eile
während sie ihr methangas
wie immer schon seelenruhig
gen himmel blähen


Der Gedichtband ist in vier Kapitel unterteilt: mnemosyne, quellen, fließend, lerchenhaft. Damit wird schon in den Kapitelüberschriften das zentrale Motiv, welches durch die Gedichte mäandert, genannt: Wasser.
  drei verdrosselte
trauerweiden hängen
fettgrün
zwischen knarrenden
kröten im wasser

Das vierte Kapitel, "lerchenhaft", verweist auf die in den Gedichten sehr präsenten Vögel. Und auch Wind und Himmel, naturgemäß, spielen eine wichtige Rolle, himmelhalb lautet ja der Titel des Gedichtbandes. Der Kopf ist daher nicht ganz in den Nacken gelegt, sondern nur leicht, die Augen blicken zwar himmelwärts, verlieren dabei jedoch den Boden, die Natur, nie ganz aus dem Blick.
  unter einem ereignislosen himmel

Die Dichtung von Monika Vasik beginnt in einem Moment der Stille. Ein Gedicht braucht kein Ereignis als Vorwand, um sich rechtfertigen zu können. Das Gedicht, das auf sich und seine Sprache vertraut, verdichtet ereignislosen Himmel ebenso, wie Windstille.
  windstille schwebend
am himmel weiße flusen

Viele der Gedichte halten auch den einen Moment des zur Ruhe-kommens fest:
  die bilder werden langsamer
unter schweigen
welle um welle

Und generell geht es Monika Vasik in ihren Gedichten darum, Augenblicke einzufangen. So lauten beispielsweise zwei Gedichttitel "momentaufnahme" und "schnappschuss". Das Gedicht also als Möglichkeit, einen Moment mit Worten nicht nur wiederzugeben, sondern ihn wie in Zeitlupe ganz langsam abzuspulen, um keine Facette zu übersehen.
  kormorane schütteln sich
in zeitlupentempo ihre
flügel auf unter den wach
samen augen der möwen

Und damit ermöglicht das Schreiben von Gedichten zugleich, Erinnerung festzuhalten. Das Thema der Erinnerung liegt dem Gedichtband verdeckt zugrunde. Das erste Kapitel trägt den Titel "mnemosyne", der Name der griechischen Göttin der Erinnerung. Im ersten Gedicht des Bandes, "schwalben treffen" findet man..
  erinnerungen aus dem hintergrund
in zeitlupentempo ihre
flügel auf unter den wach
samen augen der möwen

..und der Gedichtband endet dann mit dem Gedicht "replay". Und auch zwischendrin wird das Erinnern thematisiert. Beispielsweise im Gedicht "andenken", hier nur der Beginn:
  steine suchen und muscheln
ein jeder nah bei sich selbst
ist uns zum lächeln zumute
auf dem schwarzen sand
fällt das erinnern ab
zeitlos die brisen
auf der haut

Natur hat ein zeitloses, beständiges Moment inne, in den zyklisch wiederkehrenden Jahreszeiten. Diese werden in den Gedichten von Monika Vasik häufig thematisiert und angesprochen, auch gerade dann, wenn sich das Wetter nicht gemäß der eigentlichen Jahreszeit verhält, wie bei einem Sommereinbruch mitten im Frühling oder einem schneelosen Winter:
  gefroren die wäsche an leinen kein
schnee dieses jahr hängt nur raureif
als fransen an zweigen und gräsern

In diese Zeitlosigkeit der Natur wirft Monika Vasik ganz selten und dezent einzelne Zeitbezüge ein, so endet beispielsweise ein Gedicht ausgerechnet mit dem Wort googeln:
  wie unterscheidet man
schafgarbe von bärenklau durch
weht das blau des wiesensalbeis uns
später werden wir es googeln

Und es finden sich auch sprachverspielte Gedichte in himmelhalb. Besonders schön zwei parallele Vogel/Fisch-Gedichte, hier die Anfänge der beiden:
  er finkt ach wie
finkt im frühling er
während ich star
doch wenn ich amsle
drosselt er
sei nicht so zeisig
so eule ich

  anfangs war hecht er
der aitel sich
vor mich hin welste
wie ein sterlet
heute grundelt er
lieber als rotauge
im felchenwirbel

Die Gedichte von Monika Vasik sind sehr genau gearbeitet und vermitteln dabei zugleich Leichtigkeit, wirken wie "in die Luft geschrieben". Die einzelnen Zeilen sind ganz eng ineinander verzahnt, die Zeilenumbrüche sehr bewusst gesetzt, sodass es häufig zu schönen Kippmomenten kommt. Alle Gedichte verwenden durchgehende Kleinschreibung und verzichten völlig auf Interpunktion. Eine Entscheidung, die den Gedichten viel Freiheit und Offenheit bringt.
  dies ungefähre glückszausen
im fliegenden wind

Begleitet werden die Gedichte jeweils von einer mehr oder weniger weiter bearbeiteten schwarz-weiß Fotografie von Johannes Ebner. Manchmal kehren Bilder spiegelverkehrt oder als Negativ wieder. Das in leicht veränderter Form wiederkehrende Fotomotiv verhandelt auf der Bildebene die Thematik des Erinnerns. Zu sehen sind Pflanzen, Blumen, Bäume, Landschaften und Tiere. Menschen kommen nur sehr vereinzelt vor und sind dann auch immer sehr klein. Ganz zart sind dabei die Fotos durchscheinender Blüten im Gegenlicht.




himmelhalb von Monika Vasik erschien im 2015 im Verlagshaus Hernals.
 
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