Wer hat Angst vor der Neunten Kunst?
Kurze Archäologie eines Legitimierungsdiskurses

(Auszug)

Von Thomas Becker

Comics sind inzwischen nicht nur unter dem Titel Neunte Kunst bekannt. Literarische Feuilletons überschlagen sich mit der Besprechung so genannter Graphic Novels. Sogar auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung 24.2.2010 konnte man angesichts der Ersteigerung der Erstausgaben des Superman- Comics für eine Million Dollar lesen, dass der Comic jetzt endgültig zur Hochkunst gehöre. Kann man aber die hohe Aufmerksamkeit im Journalismus und den gestiegenen Preis für Comics als Ausdruck seiner gestiegenen Legitimität sehen? Mit Pierre Bourdieu sollte man einen symbolischen Markt von einem Massenmarkt unterscheiden. Auf dem symbolischen Markt überwiegt der Kampf um symbolischen Profit durch Innovationen den Pol des ökonomischen Marktes.¹ Charles Baudelaire, der erste Künstler der Moderne, der Formen der Mode und des trivialen Alltags in seine Lyrik integrierte, war ein betonter Vertreter des l'art pour l'art. Stéphane Mallarmé, der selbst in einer Modezeitschrift mitarbeitete, sah den Künstler immer als Aristokraten der Kultur. Seine künstlerisch anspruchsvolle Modezeitschrift war ein ökonomischer Misserfolg. Wer schließlich auf die Vorreiterrolle Andy Warhols verweist, der lange vor Damien Hirst behauptete, dass auch Kunst nur einem gewöhnlichen Markt folge, übersieht, wie die Pop Art zum Erfolg kam: Warhol verdiente zu Zeiten der Brillo Boxes weniger denn als Designer für ein Schuhgeschäft auf der Fifth Avenue. |
Auch ein weltweiter Massenerfolg wie der des Holocaust-Comics Maus von Art Spiegelman ist ein Beweis für diese den Kunstmarkt differenzierende Zeitlogik künstlerischer Karrieren und ihrer Produkte: Bevor Spiegelman mit Maus berühmt wurde, hatte er etwa zwanzig Jahre zuvor Comics in der so genannten Underground-Szene veröffentlicht, die nur eine geringe Leserzahl kannte. Vor Maus verdiente er seinen Unterhalt mit satirischen Karikaturen in Kaugummi-Verpackungen, aber keineswegs mit seinen für das Feld der Comicproduktion wegweisenden und innovativen Experimenten, die für die spätere Konzeption von Maus bestimmend wurden. Sein avantgardistisches Comicmagazin Raw, in denen erste Folgen von Maus zunächst vollkommen unbemerkt von einer großen Öffentlichkeit erschienen, war ökonomisch gesehen ein reines Verlustgeschäft. Sieht man Kunstavantgarden nur vom Ergebnis des Erfolgs und nicht von der zeitlichen Entwicklung ihrer Karrieren her, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Pablo Picasso und Carl Barks, dem Schöpfer von Dagobert Duck.
Der Comic gehört zu einem Bereich der mittleren sozialen Position, die Bourdieu mit dem Begriff art moyen betitelte. In der sozialen Anerkennung liegt der art moyen zwischen institutionell legitimierten Künsten wie etwa der Literatur einerseits und Geschmacksformen des Alltagsdesigns andererseits. Dazu gehören Künste wie Fotografie, Jazz und Film. Sie befinden sich auf dem Weg zur Legitimation, weil sie zwar aus der industriellen Massenproduktion hervorgegangen sind, sich aber von dieser auch schon ein Stück weit durch einzelne Ausnahmewerke entfernt haben.² Diese Werke zeigen komplexe Strukturen, die den hoch legitimierten Kunstformen in Nichts nachstehen, während die gesamte Gattung oder das Medium weitgehend durch stereotype Massenrezeption bestimmt wird. Daher sind diese Ausnahmewerke wie etwa Maus auch einem intellektuellen Publikum bekannt, das gleichwohl nicht zu den Kennern des Comicfeldes gehört.

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Anmerkungen:
¹) Pierre Bourdieu: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt/M. 1999, S. 227ff.
²) Pierre Bourdieu: Die gesellschaftliche Definition der Photographie, in: ders., Luc Boltanski e.a., Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie, Hamburg 2006, S. 106.


Der vollständige Text Wer hat Angst vor der Neunten Kunst? von Thomas Becker erschien in Triëdere 1/2012, 5-13.



 
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